Generalsekretäre der Europäischen Bischofskonferenzen setzten sich in der Ukraine mit der neuen Sozialenzyklika und mit der Situation der Priester in Europa auseinander - Sorge um Tendenzen gegen den Schutz des Lebens und gegen die Familie
Kiew, 14.7.09 (KAP) Die neue Sozialenzyklika "Caritas in veritate" stellt eine "optimistische und realistische" Sicht der Dinge dar, zugleich ist sie ein "mutiger Aufruf zur Veränderung des Denkens": Dies betonten die Generalsekretäre der europäischen Bischofskonferenzen bei ihrer Jahrestagung in Brjuchowytschi bei Lemberg (Lwiw). Papst Benedikt XVI. sei zu danken, dass er den Hauptpunkt der Soziallehre der Kirche so deutlich herausgestrichen habe: Die zentrale Stellung des Menschen im Wirtschaftsgeschehen. In der Enzyklika gebe es keine "übereilten Urteile", vielmehr würden die negativen Begleiterscheinungen und Risiken einer unkontrollierten Wirtschaftsentwicklung deutlich gemacht.
Der Generalsekretär der Deutschen Bischofskonferenz, P. Hans Langendörfer SJ, stellte vor seinen Kollegen die neue Enzyklika dar und verwies auf die drei Kernpunkte des Dokuments: Zentralität des Menschen, soziale Dimension der Wirtschaft, humane Globalisierung. Für Benedikt XVI. sei klar, dass es in erster Linie um die Suche nach dem Gemeinwohl und die ganzheitliche Entwicklung des Menschen gehen muss. Die Wirtschaft bedürfe der Ethik, um funktionieren zu können. Daher könne das Christentum wesentliches zur Entwicklung beitragen.
Benedikt XVI. mache klar, dass jeder Mensch das Recht hat, an der Welt des Marktes und der Arbeit teilzunehmen, erinnerte P. Langendörfer. Es bedürfe eines Staates, der einer größeren Beteiligung der Zivilgesellschaft - vor allem der Gewerkschaften - offen gegenübersteht. Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise sei deutlich geworden, dass sich der Markt nicht nur auf sich selbst verlassen kann, sondern "moralische Kräfte aus anderen Quellen schöpfen muss". Daher gehe es auch um die Achtung des Lebens, den Schutz der Religionsfreiheit, die Bewahrung der Rechte der Arbeiter usw.
"Die zunehmend globalisierte Gesellschaft macht uns zu Nachbarn, aber nicht zu Geschwistern", sage der Papst in "Caritas in veritate". Hier müsse das kirchliche Denken ansetzen, denn die mangelnde Entwicklung habe nicht in erster Linie materielle Ursachen, sondern sei auf "das Fehlen des brüderlichen Geistes unter den Menschen" zurückzuführen. Die Enzyklika unterstreiche die Notwendigkeit, die Entwicklung in globaler Hinsicht zu überdenken. Europa dürfe sich nicht auf sich selbst beschränken.
Priester: Kein Beruf wie jeder andere
Zweites Hauptthema der Generalsekretäre der Bischofskonferenzen war die Situation der Priester. Der Sekretär der Portugiesischen Bischofskonferenz, P. Manuel Morujao SJ, betonte, dass es beim Priestertum weder um Selbstverwirklichung noch um einen Beruf wie jeden anderen geht, sondern um Berufung und Mission im Auftrag Jesu. Die Hauptaufgabe des Priesters sei es, Gott zu begegnen und rund um die Uhr den Menschen zu dienen.
Paul Conroy, der Generalsekretär der Schottischen Bischofskonferenz, wies darauf hin, dass heute sehr oft von einer Berufungskrise, einer Glaubenskrise und einer Priesterkrise die Rede sei. Seiner Meinung nach sollte man jedoch lieber von der Krise der gesamten westlichen Gesellschaft sprechen; diese Krise habe auch Auswirkungen auf den kirchlichen Bereich. Der Rückgang der Berufungen sei in erster Linie durch die Krise der Familie zu erklären, die heutzutage keine Einheit mehr ist, "wo die Berufung wachsen und reifen kann". Der Generalsekretär der Kroatischen Bischofskonferenz, Msgr. Vjekoslav Huzjak, erinnerte daran, dass der Priester in erster Linie "ein Mitarbeiter des Bischofs und kein Freiberufler" ist. Gerade angesichts der "zersplitterten Gesellschaft" sei es besonders wichtig, dass die Priester die Einheit der ihnen anvertrauten Gemeinden fördern.
"Kultur des Lebens" und Familie
Die Generalsekretäre der Bischofskonferenzen betonten ihre Sorge über neue Trends in Europa, die sowohl die "Kultur des Lebens" als auch das natürliche Modell der Familie, die auf der Ehe von Mann und Frau beruht, in Frage stellen. Als Beispiele wurden die Diskussionen um den Euthanasiefall Eluana Englaro in Italien und die Auseinandersetzungen um katholische Adoptionsagenturen in Großbritannien genannt, die schließen mussten, weil sie homosexuellen Paaren keine Adoptivkinder vermitteln wollten.
Ein wichtiges Thema war auch das Verhältnis von Kirche und Medien. Die Kirche spüre die Dringlichkeit, den Kontakt mit den Medien besser zu pflegen und ein höheres Maß an Professionalität an den Tag zu legen.
Die Jahrestagung der Generalsekretäre der Bischofskonferenzen wurde vom "Rat der Europäischen Bischofskonferenzen" (CCEE) organisiert und auf Einladung der ukrainischen Bischofskonferenz des lateinischen Ritus sowie der Bischofssynode der ukrainisch-katholischen unierten Kirche des byzantinischen Ritus ausgerichtet.
Wiederaufbau in der Ukraine
Bei der Tagung hatten die Generalsekretäre der europäischen Bischofskonferenzen Gelegenheit, sich über die Situation der katholischen Kirche beider Riten in der Ukraine zu orientieren. Das Christentum hat in der Ukraine eine auf apostolische Zeit zurückgehende Geschichte. Der kirchlichen Tradition nach soll der Apostel Andreas als Erster das Christentum unter den Skythen gepredigt haben, die damals die Gebiete der heutigen Ukraine bewohnten. Die Küstengebiete waren römisch und daher ab Konstantin christlich.
Der unierte Großerzbischof von Halytsch und Kiew, Kardinal Lubomyr Husar, und der lateinische Erzbischof von Lwiw, Mieczyslaw Mokrzycki, informierten die Generalsekretäre über den Wiederaufbau der katholischen Kirche in der Ukraine nach dem Ende des Kommunismus. Beide Bischöfe betonten, dass die Ukrainer trotz aller Unterdrückung nie bereit waren, den Glauben an Christus aufzugeben. Heute befinde sich die Kirche mitten im Wiederaufbau. Zugleich müsse sich die Kirche neuen Herausforderungen stellen, die vor allem mit der dramatischen Abwanderung der jüngeren Jahrgänge nach West- und Südeuropa zusammenhängen.






