Grazer Theologe Remele fordert innerkirchliche Konsequenzen - Sozialethiker Hengsbach sieht "wolkige Abstraktheit"
Wien, 22.7.09 (KAP) Nach zahlreichen Würdigungen und viel Applaus, mit denen die Sozialenzyklika "Caritas in veritate" von Papst Benedikt XVI. unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung bedacht worden ist, werden nun erste kritische Stimmen laut. So fordert etwa der Grazer Theologe und Vizepräsident der katholischen Friedensbewegung "Pax Christi Österreich", Prof. Kurt Remele, innerkirchliche Konsequenzen: Wenn die Enzyklika im Namen des Gemeinwohls etwa für Umverteilung, Abbau von Arbeitslosigkeit, die Abkehr von einem konsumorientierten Leben und eine Neuordnung des Finanzwesens eintrete, so müsse die Kirche selbst Vorbildcharakter übernehmen, um ihre Glaubwürdigkeit zu bewahren.
Es sei das "Hauptproblem dieser Enzyklika", meinte Remele in einem Kommentar in der Tageszeitung "Die Presse", dass "die Selbstverpflichtung, all das kirchlicherseits vorbildhaft zu verwirklichen, was man von der übrigen Welt fordert, mit keinem Wort erwähnt wird". In diesem Zusammenhang erinnert Remele an das Schlussdokument der römischen Bischofssynode von 1971, "De iustitia in mundo", in dem es heißt: "Wer immer sich anmaßt, zu den Menschen von Gerechtigkeit zu reden, muss an allererster Stelle vor ihren Augen gerecht dastehen."
Weiter meint der Sozialethiker, in ihrem sprachlichen Duktus sei die Enzyklika eine "beschwerliche Lektüre": "Die Gedankengänge sind verschlungen, die Argumentationsweise manchmal diffus. "Hoch anzuerkennen" ist laut Remele jedoch die durch die Sozialenzyklika vollzogene Aktualisierung und Ergänzung der Soziallehre von Papst Johannes Paul II. durch den gegenwärtigen Papst. Insbesondere die Fokussierung auf die grundlegenden Prinzipien der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls seien wichtige Markierungen in der Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Wirtschaftskrise und der Globalisierung.
"Benedikts Lieblingskampf"
Kritik kommt auch von "Falter"-Autor Robert Misik. Die Enzyklika, die Misik als "Predigt" versteht, füge sich "bestens ein" in des Papstes "Lieblingskampf gegen den gesellschaftlichen Liberalismus, den er den 'Relativismus' nennt", so Misik in der Ausgabe vom 15. Juni. Der im Titel der Enzyklika angeführte Wahrheitsbegriff werde entsprechend theologisch eng ausgelegt und auf die Existenz Gottes und das Naturrecht hin angewendet. "Wer das akzeptiert, lebt in der Wahrheit, wer nicht, hängt dem gefährlichen Relativismus an", so Misik. Dies aber sei kein zeitgemäßer Ansatz mehr, da ein solcher Wahrheitsbegriff die Welt unzulässig entdifferenziere und sämtliche Fragen - "Börsengier und Homoehe" - über den einen Kamm der "Gottesvergessenheit" schere, so der Kommentar.
Hengsbach: "Wolkige Abstraktheit"
Einwände äußerte auch der Frankfurter Sozialethiker Prof. Friedhelm Hengsbach: Die Sozialenzyklika spreche die realen Probleme in einer oftmals "wolkigen Abstraktheit" an und übersetze ihr eigentliches Anliegen, die "Liebe in der Wahrheit" zu zeigen, nicht ausreichend in die Fragen konkreter innerweltlicher Probleme hinein. Er habe außerdem den Eindruck, dass "sehr viele Autoren an diesem Papier gearbeitet haben" und daher formale Klarheit fehle, sagte Hengsbach im Interview mit dem "Deutschlandfunk".
Für "wenig realistisch" erachtet der Münsteraner Sozialethiker Prof. Karl Gabriel die Forderung des Papstes nach einer politischen Weltautorität. Die Gründung einer solchen Autorität sei unrealistisch, weil sie "außerhalb der Möglichkeiten" liege, "die die heutige komplexe Welt bietet", sagte Gabriel in Münster. Realistischer als die Gründung einer "Weltregierung" wäre nach Einschätzung von Gabriel eine engere Zusammenarbeit auf der Basis des internationalen Rechts und der Institutionen der UNO. Auf diese Weise könnten globale Rechtsräume entstehen, die die Weltwirtschaft besser als bisher regeln würden.
Kissler: "Solidarische Humanisierung"
Als einen "'Club of Rome'-Bericht für das 21. Jahrhundert" bewertet der Kulturjournalist der "Süddeutschen Zeitung", Alexander Kissler, die Enzyklika positiv. Dabei gehe es dem Papst nicht mehr darum, die "Grenzen des Wachstums" - wie es der erste "Club of Rome"-Bericht von 1972 tat - aufzuzeigen, "sondern um die Unangemessenheit des Wachstumsbegriffs überhaupt", schreibt Kissler in einem Kommentar auf seiner Website. In den Mittelpunkt rücke der Papst gerade nicht mehr den Wachstums-, sondern den Entwicklungsbegriff. Daher bestehe die von "Caritas in veritate" ausgehende Herausforderung darin, "menschlich zu werden". Kissler wörtlich: "Das Projekt der Enzyklika hört deshalb auf den Namen 'solidarische Humanisierung'".
"Die Predigt verhallt"
Robert Leicht unternimmt in der "Zeit" (16. Juli) einen Vergleich der Wirkung der Sozialenzyklika Papst Benedikts XVI. auf der einen Seite und des EKD-Papiers "Wie ein Riss in einer hohen Mauer" auf der anderen Seite. Beiden Papieren attestiert Leicht eine nur marginale Wirkung auf die tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklungen und Entscheidungsprozesse. Das zentrale Dilemma beider Dokumente ist laut Leicht ein zweifaches: Zum einen sprechen sie zu undifferenziert und nicht auf dem Stand der Debatte über ökonomische Fragen, zum anderen bleibt offen, wer der eigentliche Adressat sei.
Leicht wörtlich: "Wenn Kirchen sprechen, sollten sie, soweit es dabei um Theologie und Ethik geht, möglichst so sprechen, wie es kein anderer kann - also mit prägnanter geistlicher Vollmacht. Soweit es aber um die Ökonomie geht, sollten sie sich einer Sachkunde bedienen, die State of the Art ist, sich also auf der Höhe des gründlichen fachlichen Diskurses bewegt; erst von diesem Niveau aus werden ethische Reflexionen wirklich relevant, auch für die orientierungslos Handelnden."
Zur Frage des Adressaten der Sozialenzyklika schreibt der "Zeit"-Autor: "Will man die unmittelbar Zuständigen beeindrucken oder die breite Öffentlichkeit, spricht man zu Experten oder Laien, in der Kirche oder auf der Agora? Je weniger fokussiert die Rede, desto diffuser ihre Wirkung." Eben dies sei das zentrale Problem der Enzyklika, so Leicht.
Insgesamt attestiert Leicht den Kirchen einen Mangel an versierten "herausragenden evangelisch oder katholisch engagierten Ökonomen und Unternehmern". Die Kritik etwa des Sozialethikers Prof. Hengsbach ("Schrottpapier") sei stilistisch wie substanziell verfehlt. Leicht: "Hengsbachs legendärer Vorgänger Oswald von Nell-Breuning war da von anderem Schrot und Korn."
Geerdeter Glaube
Um eine differenzierte Sicht bemüht sich der Chefredakteur der Zeitschrift "Christ in der Gegenwart", Johannes Röser. Zwar sei die Enzyklika insgesamt "keine Unheilsprophetie" und erde auf sympathische Art und Weise den Glauben, zugleich aber bleibe das Schreiben oftmals "blass, vage, fast mutlos". Noch dazu sei es nicht leicht zu lesen, "der Stil ist holprig, substantivisch", so Röser.
Dabei würdigt Röser das Gesamtanliegen der Enzyklika, die "vom ersten Satz an" keinen Zweifel daran lasse, ein durch und durch theologisches Schreiben zu sein und entsprechend auch das Gerechtigkeitsthema unter theologischen Vorzeichen zu betrachten. Röser: "Der Papst möchte kein bloßes, säkulares Gutmenschentum propagieren. Für ihn ist nur das wirklich sozial und politisch gerecht, was der Aussöhnung der Gesellschaft auch mit Gott dient. Die Gerechtigkeit, die er meint, reicht über das Innerweltliche hinaus. Es ist eine Gerechtigkeit aus Gott, durch Gott, mit Gott und in Gott."
Unter diesen Voraussetzungen seien schließlich auch Auslassungen und Versäumnisse des Papstes verzeihlich, so Röser - etwa die "befremdliche" undifferenzierte Zusammenschau von Empfängnisverhütung, Abtreibung, Euthanasie, Sterilisierung und Familienplanung unter dem Schlagwort der "geburtenfeindlichen Mentalität".
"Ende der Prophetie"
Nach den visionären Sozialenzykliken von Paul VI. und Johannes Paul II. stellt "Caritas in veritate" geradezu ein ernüchterndes "Ende der Prophetie" dar. Zu diesem Urteil kommt der Literaturwissenschaftler und Philosoph Peter Bürger. Die Enzyklika wirke bisweilen "wie ein Sammelsurium, in dem alles irgendwie - und manchmal widersprüchlich - zur Sprache kommt", schreibt Bürger in einem Essay in der Online-Zeitschrift "Telepolis".
Bei seiner Kritik geht Bürger akribisch ins Detail der päpstlichen Vorschläge und Reflexionen. So bemängelt er etwa gerade angesichts der gegenwärtigen Finanzkrise die Auslassungen des Papstes im Blick auf die weltweiten gigantischen Geldtransaktionen. Auch die zahlreichen Rettungspakete für Banken werden laut Bürger nicht kritisch im Blick auf den konkreten Nutzen für den einzelnen Bürger beleuchtet. Gerade bei der Beurteilung der Finanzwirtschaft sei Rom "schon mal viel weiter" gewesen: "Man tut gut daran, beim Thema 'kapitalistische Geldwirtschaft' auf ältere Dokumente der katholischen Soziallehre zurückzugreifen."
Kritik äußert Bürger auch an den Leerstellen bei Wirtschaftsfragen: So werde "die monströse Wirtschaftsform 'Konzern', die das Weltgeschehen der Gegenwart so zentral bestimmt, ... an keiner einzigen Stelle thematisiert". Auch die "unglaubliche Konzentration von Vermögen" werde nicht problematisiert, statt dessen gehe der Papst mit einer enormen Gelassenheit die Fragen an und bleibe stets im allzu Allgemeinen. Bürger: "Wenigstens ein einfach verstehbares und klares Prinzip wäre an dieser Stelle auch hilfreich gewesen. Der Ökumenische Weltrat der Kirchen verlangte z.B. schon 1975 in Nairobi als Hauptziel einer neuen Weltwirtschaftsordnung: 'Niemand darf seinen Wohlstand vergrößern, solange nicht alle das Existenzminimum haben.'"
Benedikt XVI. folge hingegen einem "denkbar idealistischen Verständnis von 'Sozialer Marktwirtschaft'", sodass radikale Parteinahme etwa für die Ärmsten ("Option für die Armen") gar nicht in den Blick komme, meint Bürger. Auch sein Vorschlag eines neuen wirtschaftlich-gesellschaftlichen Gefüges aus Staat, Markt und Zivilgesellschaft verfehle letztlich das Ziel, indem der Papst Strukturfragen weitgehend ausblende. Die Verhältnisse seien einfach nicht so, wie sie Benedikt XVI. beschreibt, meint der Philosoph. So sei es zur Stunde etwa noch gar nicht ersichtlich, wie die Gesellschaft überhaupt ohne radikale Schnitte wieder Kontrolle und Einfluss auf den ökonomischen Apparat gewinnen sollte. Eine Frage der Strukturen sei auch die radikale Verarmung von bis zu einer Milliarde Menschen durch die Krise. Dies sei jedoch "kein Naturereignis", das man einfach hinnehmen müsse, sondern bedürfe einer klaren steuernden Strukturpolitik, so Bürger.
Undifferenziertheit attestiert Bürger dem Dokument auch bei dessen Vorschlag, die Entwicklungshilfe durch Einsparungen in den Sozialausgaben der Geberländer auszubauen. Die Ausführung dazu ließen die Frage aufkommen, was der Papst von der Entwicklung der Bedingungen für Erwerbsarbeit in hiesigen Breitengraden und von den Eigentumsverhältnissen in den reichen Ländern tatsächlich wisse. Bürger: "Am 21. Jänner 2009 vermeldete das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zur Reichtumsverteilung in der Bundesrepublik: Das besitzende obere Zehntel verfügte 2007 über mehr als 60 Prozent des gesamten individuellen Nettovermögens (die obersten 5 Prozent verfügen über 46 Prozent); das reichste eine Prozent verfügt allein über 23 Prozent des Kuchens."
"Sprachlos" zeigt sich Bürger angesichts der Auslassungen des Papstes in Fragen der Ökumene. Es sei "das größte Defizit der Enzyklika", dass sie "eine echte Perspektive für den Überlebensdialog aller Religionen, Weltanschauungen und Kulturen vermissen lässt", meint der Philosoph. Während das Zweite Vatikanische Konzil sich noch um ökumenische und interreligiöse Brücken bemühte, ziele Benedikt XVI. mit seiner Enzyklika "auf Exklusivität".






