Monday 29. August 2016

Die "Urkatastrophe"

Als "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" bezeichneten die Österreichischen Bischöfe bei ihrer Frühjahrstagung den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren. "In Wahrhaftigkeit und Scham" müsse man die massive Verstrickung in die Ideologie des Krieges auch seitens der Kirchen und Religionsgemeinschaften eingestehen, heißt es in einer Erklärung der Bischofskonferenz. Aufgrund der "Taubheit und Ignoranz der damaligen kirchlichen und politischen Amtsträger" seien auch die Friedensinitiativen von Papst Benedikt XV. ab 1914 letztlich bei allen Kriegsparteien wirkungslos geblieben.

 

Als Wurzeln des Krieges bezeichneten die Bischöfe den zum "Religionsersatz" gewordenen Nationalismus, Hass, Verachtung und Arroganz gegenüber anderen Völkern sowie die Anmaßung absoluter Macht über Leben und Tod. Massive Gerechtigkeitsdefizite und Verstöße gegen die Menschenrechte bedrohten auch heute noch den Frieden. Gefahren seien etwa "die Versuchung der Macht und die Glorifizierung von Gewalt, verbunden mit der subtilen Manipulation möglichst vieler Menschen".

 

Der Friede beruhe hingegen auf Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit, wie schon Papst Johannes XXIII. in seiner Enzyklika "Pacem in Terris" betont habe. Überzeugt sei die Kirche, dass "Krieg kein Schicksal und auch kein Naturgesetz" sei, sondern immer eine "Niederlage für die Menschheit". Daran würden auch die vielen Kriegerdenkmäler erinnerten.

 

Am Tag vor dem Ausbruch Ersten Weltkrieges, am 27. Juli, laden die Bischöfe Pfarrgemeinden, kirchliche Gemeinschaften und Gruppen ein, an diesen Orten der Toten zu gedenken, "für den Frieden zu beten und darum, selbst Werkzeug des Friedens und der Versöhnung zu sein". Bereits am 18. Juni gedachten die Bischöfe bei ihrer Vollversammlung in Mariazell in einem Gottesdienst der Ereignisse vor 100 Jahren.


 

Erster Weltkrieg

 

Zahlen & Fakten
  • 1:4 war im Herbst 1914 bei Londoner Maklern die Quote für den Fall, dass der Krieg am 15. September 1915 noch andauern würde.
  • 2 Pistolenschüsse töteten den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie am 28. Juni 1914 in Sarajevo.
  • 30 Kilometer lang war ein deutsches Armeekorps, wenn es in Bewegung war.
  • 35 Prozent aller deutschen Männer, die bei Kriegsausbruch zwischen 19 und 22 Jahre alt waren, fielen während des Ersten Weltkriegs.
  • 70 Prozent des britischen Bruttosozialprodukts machten die Kriegsausgaben im Jahr 1918 aus, mehr als im Zweiten Weltkrieg.
  • 100 Rekruten pro Stunde wurden allein in London nach Kriegsausbruch vereidigt.
  • 600 Taxis brachten im September 1914 Rekruten aus Paris zur Schlacht an der Marne.
  • 760 Kilometer lang war die deutsch-französische Front zwischen Kanalküste und Schweizer Grenze.
  • 1000 Tonnen Futter pro Tag benötigten die Pferde der deutschen Armee bei ihrem Vormarsch nach Frankreich.
  • 4000 Zensoren waren in Großbritannien damit beschäftigt, Presse und Post zu überwachen.
  • 6060 gefallene Soldaten pro Kriegstag
  • 10.000 Kirchenglocken wurden in Deutschland eingeschmolzen, um Munition herzustellen.
  • 224.221 Granaten innerhalb von 65 Minuten feuerten britische Soldaten zu Beginn der Somme-Offensive am 1. Juli 1916 ab.
  • 9,5 Millionen Soldaten ließen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs ihr Leben.
  • Bis zu 13 Millionen Zivilisten starben Schätzungen zufolge im Ersten Weltkrieg.
  • 19 Millionen Briten sahen innerhalb von sechs Wochen den Propagandafilm "Battle of the Somme", der im August 1916 in die Kinos kam.
  • 21 Millionen Soldaten wurden im Krieg verwundet.
  • 70 Millionen Soldaten kämpften im Ersten Weltkrieg.

Quelle: Austria Presse Agentur

Eine Chronologie

Eine Chronologie der Ereignisse im Ersten Weltkrieg:

 



1914

28. Juni - Der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand wird in Sarajevo vom serbischen Nationalisten Gavrilo Princip erschossen

20.-23. Juli - Französischer Premier Poincare sichert Russland bei Besuch in St. Petersburg die Unterstützung Frankreichs zu

23. Juli - Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien

25. Juli - Serbien macht Vorbehalte gegen das Ultimatum geltend

28. Juli - Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien

30. Juli - Russische Generalmobilmachung

1. August - Kriegserklärung Deutschlands an Russland

3. August - Deutschland erklärt Frankreich den Krieg und marschiert in Belgien ein

4. August - Kriegserklärung Großbritanniens an Deutschland

20. August - Deutsche Truppen marschieren in Brüssel ein

24. August - Österreichische Offensive gegen Serbien schlägt fehl (Niederlage in der Schlacht von Cer)

3. September - Russland nimmt nach Kämpfen mit Österreich-Ungarn die galizische Hauptstadt Lemberg ein

5. September - Großbritannien, Frankreich und Russland vereinbaren im Londoner Vertrag Kriegsführung bis zum gemeinsamen Friedensschluss

6. - 9. September - Schlacht an der Marne, deutscher Vormarsch in Frankreich wird gestoppt, Beginn des Stellungskriegs

2. November - Kriegserklärung Russlands an das Osmanische Reich, das damit an Seite der Mittelmächte in den Krieg eintritt

15. Dezember - Zweite Offensive Österreich-Ungarns gegen Serbien scheitert mit Niederlage in der Schlacht von Kolubara

17. Dezember - Österreich-Ungarn wehrt russischen Angriff auf Krakau ab (Schlacht von Limanowa)

 



1915

26. April - Londoner Geheimvertrag der Entente mit Italien, dem territoriale Zugeständnisse gemacht werden

23. Mai - Italien erklärt Österreich-Ungarn den Krieg

6. September - Bündnis Deutschlands mit Bulgarien, das daraufhin Serbien den Krieg erklärt

22. April - Deutsche Truppen setzen in der Ypern-Schlacht erstmals Giftgas ein

22. Juni - Russische Truppen verlieren Lemberg

23. Juni - Beginn der ersten von zwölf Isonzo-Schlachten zwischen Österreich-Ungarn und Italien

1. Juli - Beginn einer großen deutsch-österreichischen Offensive gegen Russland

5. August - Eroberung Warschaus durch deutsche Truppen

18. September - Eroberung von Vilnius durch deutsche Truppen

19. September - Deutscher Vormarsch im Osten kommt neuerlich zu stehen

9. Oktober - Eroberung von Belgrad und Niederwerfung Serbiens durch deutsche und österreichische Truppen

 



1916

21. Februar - Beginn der deutschen Angriffe auf Verdun. Die Schlacht dauert bis Dezember und fordert über 300.000 Tote

21. Februar - London und Washington vereinbaren, dass US-Präsident Woodrow Wilson eine Friedenskonferenz vorschlagen soll

29. April - Vorstoß britisch-indischer Truppen nach Bagdad scheitert

16. Mai - London und Paris vereinbaren in Sykes-Picot-Abkommen die Aufteilung der Türkei

27. Mai - US-Präsident Woodrow Wilson proklamiert die Schaffung eines Völkerbundes als Ziel seiner Politik

16. Juni - Russische Truppen erobern die Bukowina

9. August - Italienische Truppen erobern in der 6. Isonzo-Schlacht Görz

27. August - Rumänien tritt an Seite der Entente in den Krieg ein

September - Österreich-Ungarn muss "Gemeinsamer Oberster Kriegsleitung" unter Führung Berlins zustimmen

21. November - Tod von des österreichischen Kaisers Franz Joseph, sein Großneffe folgt ihm als Karl I. nach

6. Dezember - Mittelmächte erobern Bukarest

12. Dezember - Friedensinitiative der Mittelmächte, die jedoch von der Entente zurückgewiesen wird

 



1917

1. Februar - Deutschland erklärt den uneingeschränkten U-Boot-Krieg

11. März - Britische Truppen erobern Bagdad, Verbindung mit russischen Truppen

14. März - Russischer Zar Nikolaus II. dankt im Zuge der Februar-Revolution ab

6. April - USA erklären dem Deutschen Reich den Krieg, die Kriegserklärung an Österreich-Ungarn erfolgt acht Monate später

31. Mai - Österreichisches Parlament tritt wieder zusammen, tschechische und südslawische Autonomieforderungen

26. Juni - Papst Benedikt XV. bietet Friedensvermittlung an

27. Juni - Griechenland tritt an der Seite der Alliierten in den Krieg ein, nachdem König Konstantin auf britisch-französischen Druck abgedankt hatte

19. Juli - Rückeroberung der Bukowina und Ostgaliziens durch die Mittelmächte

3. September - Deutsche Truppen nehmen Riga ein

27. Oktober - Truppen der Mittelmächte gelingt in der zwölften Isonzoschlacht der Durchbruch, Giftgas-Einsatz

2. November - Balfour-Deklaration nimmt Palästina als künftige Heimstätte jüdischer Siedler in Aussicht

7. November - Oktoberrevolution in Russland

8. Dezember - Briten nehmen Jerusalem ein

15. Dezember - Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und Russland

20. Dezember - Friedensverhandlungen zwischen Deutschland und Russland in Brest-Litowsk beginnen

 



1918

8. Jänner - US-Präsident Wilson verkündet seine 14 Punkte für Nachkriegsordnung

9. Februar - Deutschland schließt "Brotfrieden" mit der Ukraine

3. März - Durch Wiederaufnahme der Kriegshandlungen erzwingt Berlin den Friedensschluss von Brest-Litowski mit Russland

21. März - Beginn von fünf deutschen Offensiven, Durchbruch bleibt aus

7. Mai - Friedensschluss zwischen Deutschland und Rumänien

26. Juni - Scheitern der letzten österreichisch-ungarischen Offensive an der Piavemündung

8. August - Britischer Panzerangriff bei Amiens, Rückzug der Deutschen an der Westfront beginnt

14. September - Österreich-Ungarn regt bei US-Präsident Wilson Friedensschluss an

19. September - Britische Truppen beginnen Siegeszug durch Palästina und Syrien

30. September - Waffenstillstand Bulgariens

16. Oktober - Kaiser Karl I. kündigt Umgestaltung des Reiches in einen Bundesstaat an ("Völkermanifest")

28. Oktober - Proklamation der Tschechoslowakei

29. Oktober - Südslawische Völker erklären ihre Loslösung von Österreich-Ungarn

30. Oktober - Wahl des Staatsrates von Deutsch-Österreich

31. Oktober - Waffenstillstand der Türkei

1. November - Bildung einer selbstständigen ungarischen Regierung

3. November - Waffenstillstand der Alliierten mit Österreich-Ungarn in Villa Giusti bei Padua

9. November - Kaiser Wilhelm verzichtet auf den deutschen Thron

11. November - Waffenstillstand zwischen Alliierten und Deutschem Reich im französischen Compiegne

12. November - Proklamation der Republik Deutsch-Österreich, nach Verzichtserklärung von Kaiser Karl I. am Vortag

 

Quelle: Austria Presse Agentur

Die Bischöfe zum Ersten Weltkrieg

Mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914 begann der Erste Weltkrieg. Dieser Krieg löste unsagbares menschliches Leid und den Tod von Millionen aus. Im Gefolge entstanden totalitäre Ideologien, die unzählige Menschen in den Abgrund führten.

 

Fast alle gesellschaftlichen Kräfte wurden damals von der Kriegsbegeisterung erfasst. Nationalistische Kräfte waren maßgeblich für die Entfesselung und Fortführung des Krieges verantwortlich, doch auch die Kirchen und Religionsgemeinschaften waren massiv in die Ideologie des Krieges verstrickt. Selbst 100 Jahre danach gilt es dies in Wahrhaftigkeit und Scham einzugestehen. Zum Versagen der damaligen kirchlichen und politischen Amtsträger gehört auch die Taubheit und Ignoranz gegenüber den Friedensinitiativen von Papst Benedikt XV., die schon 1914 begannen und letztlich bei allen Kriegsparteien wirkungslos blieben.

 

Im Gedenken an diese „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts gilt es, die Wurzeln des Krieges zu benennen: Dazu gehören ein Nationalismus, der zum Religionsersatz geworden war, Hass, Verachtung und Arroganz gegenüber anderen Völkern, die Anmaßung absoluter Macht über Leben und Tod. Damals wie heute wird der Friede durch massive Gerechtigkeitsdefizite und Verstöße gegen die Menschenrechte bedroht. Ständige Gefährdungen in wandelnder Gestalt sind etwa die Versuchung der Macht und die Glorifizierung von Gewalt verbunden mit der subtilen Manipulation möglichst vieler Menschen. Von bleibender Bedeutung ist demgegenüber die Feststellung von Papst Johannes XXIII. in der Enzyklika „Pacem in Terris“, wonach Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit die Säulen des Friedens sind.

 

Die Kirche ist der Überzeugung, dass Krieg kein Schicksal und auch kein Naturgesetz ist. Krieg bedeutet immer eine „Niederlage für die Menschheit“. Daran erinnern in zahlreichen Ortschaften und Kirchen Denkmäler, wo der Toten der Kriege gedacht wird.

 

Die Bischöfe laden die Pfarrgemeinden, kirchlichen Gemeinschaften und Gruppen ein, am 27. Juli abends, dem Tag vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs vor 100 Jahren, bei den Denkmälern der Toten zu gedenken, um für den Frieden zu beten und darum, selbst Werkzeug des Friedens und der Versöhnung zu sein. Die Bischofskonferenz wird im Gedenken an die Ereignisse vor 100 Jahren in Mariazell im Rahmen ihrer nächsten Vollversammlung am 18. Juni einen Gottesdienst feiern und lädt schon jetzt dazu ein.

09. April
2015
100 Jahre Genozid

Der Papst und der Völkermord an den Armeniern

Dokumente aus dem Vatikanischen Archiv belegen schon für 1915 Intervenierungsversuche von Papst Benedikt XV.

28. November
2014

Vorarlberg: Neues Buch über Kirche in NS-Zeit

Chronik des ehemaligen Generalvikariatsrates und Carl Lampert-Zeitgenossen Johannes Schöch gibt Einblicke in religiöses Leben unter dem Hakenkreuz.

15. September
2014

"Der Krieg ist ein Wahnsinn"

Papst Franziskus gedenkt am Isonzo der Toten des Ersten Weltkriegs und aller Kriege - Scharfes Urteil gegen Kriegshetze und Waffenhandel.

15. September
2014

Erster Weltkrieg: Im Leben und im Tod vereint

Die Berge und Täler entlang des Isonzo im heutigen Slowenien und Italien waren im Ersten Weltkrieg Schauplatz blutiger und verlustreicher Schlachten.

15. September
2014

Franziskus predigt gegen den Krieg

Statt Jubelszenen eine Aufforderung des Papstes zum Weinen und eine klare Botschaft - Korrespondentenbericht von Christoph Schmidt.

09. September
2014

Allein gegen den Krieg

Während Bischof Rudolf Hittmair die Kriegserklärung begrüßte, sprach sich der oberösterreichische Pfarrer Johann Klimesch vehement gegen den Ersten Weltkrieg aus.

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„Krieg ist Wahnsinn“
Wozu Kirchengeschichte?
Interview mit Hubert Wolf
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