Montag 5. Dezember 2016

Pilgern

"Was das Herz berührt, setzt die Füße in Bewegung." Dieses Sprichwort aus Ruanda gilt auch für viele Menschen, die hierzulande eine Wallfahrt unternehmen oder als Fußpilger aufbrechen. Ihre Zahl stieg in den vergangenen Jahren kontinuierlich an. Dabei werden sie von den verschiedensten Motiven geleitet. Zumindest ein Motiv aber teilen alle: Wer pilgert oder wallfahrtet, sucht mehr als körperliche Betätigung und Bewegung im Freien. Er reiht sich ein in eine jahrtausendealte Tradition, die sich in allen Kulturen finden lässt, und beginnt den Weg in der Gewissheit, dass er verändert ankommen wird. Pilger und Wallfahrer berichten: "Der Weg macht etwas mit mir."

 

Es ist mehr als ein Trend. Denn im Vergleich zu einer vorübergehenden Modeerscheinung hält der Pilgerboom schon sehr lange an. So hat man etwa europaweit in den 1990er Jahren damit begonnen, das wohl berühmteste Pilgerwegenetz – jenes der ganz Europa durchziehenden und schließlich im spanischen Santiago de Compostela endenden Jakobswege – wiederzubeleben. An Menschen, die sich auf den Weg zum Grab des Apostels Jakobus machen, mangelt es nicht: Rund 200.000 zählte die offizielle Statistik allein im vergangenen Jahr.

 

Pilgerland Österreich

 

Doch auch Österreich erfreut sich als Pilgerland wachsender Beliebtheit. Seit über 850 Jahren suchen Menschen auf der Via Sacra, dem ältesten Pilgerweg nach Mariazell, Ruhe, Einkehr, Besinnung. Insgesamt führen sieben Wege zur Magna Mater Austriae, dem wichtigsten Marienheiligtum Zentraleuropas. P. Karl Schauer, Superior der Basilika von Mariazell, schätzt, dass jährlich rund eine Million Menschen auf diese Weise in den kleinen steirischen Ort strömt.

 

Heute führen die verschiedenen Strecken des Hemmapilgerweges aus Kärnten, der Steiermark und Slowenien Menschen zur Kärntner Landesheiligen. Großer Beliebtheit erfreute sich auch immer die Route von Regensburg nach St.Wolfgang. Der 270 Kilometer lange Wolfgangweg bringt seit dem Mittelalter Menschen zum Hauptverehrungsort des heiligen Bischofs Wolfgang. Doch Pilgerwege machen nicht an Landesgrenzen Halt. Bestes Beispiel dafür ist die Via Nova, der sogenannte Europäische Pilgerweg. Insgesamt 680 Kilometer sind auf ihm in Deutschland, Österreich und Tschechien zu "erwandern". Salzburg und Bayern verbindet aber auch der St. Rupert Pilgerweg. Salzburg erweist sich überhaupt als wahrhaftes Paradies für Wanderfreudige. Über die bereits genannten Wege hinaus laden dort auch der Leonhardsund der Pinzgauer Marienweg dazu ein, sich auf den Weg zu machen.

 

Glaube geht

 

Doch nicht alle Wege, die von Pilgern begangen werden, müssen über eine lange Geschichte als Pilgerwege verfügen: So entstand etwa der Gründerweg, der auf 190 Kilometern ausgehend vom Benediktinerstift St. Lambrecht nach Mariazell führt, erst im Jahr 2006. Mit ihm gemein hat der Benediktweg nicht nur, dass man sich bei beiden auf benediktinisch geprägte Pfade begibt. Auch der Benediktweg, der von Spital am Pyhrn über die Klöster Seckau und St. Paul bis nach Slowenien reicht, gehört mit seiner Errichtung im Jahr 2009 zu den jüngsten seiner Art.

 

Kärnten hat aber auch noch mit anderen Routen aufzuwarten. Neben dem 266 Kilometer langen Marienpilgerweg, der durch das südlichste Bundesland führt, findet ein anderer dort sein Ziel – der Weg des Buches. Hier begibt man sich auf alte Pfade von Bibelschmugglern und durchquert Österreich in der Nord-Süd-Achse von Passau bis an die slowenische Grenze bei Agoritschach. So warten insgesamt über 3.500 Kilometer Pilgerwege allein in Österreich darauf, erkundet zu werden.

 

Pilgern versus wallfahren

 

Ob man "pilgert" oder "wallfahrtet", ist dabei weniger eine Frage der gewählten Strecke als vielmehr eine Frage der Historie und der Praxis. "Vereinfacht gesagt, ist das Wallfahren etwas typisch Katholisches, während Pilgern eine ökumenische, ja sogar interreligiöse Art der Fortbewegung darstellt", verrät Pilger- Experte Anton Wintersteller. Wer sich auf eine Wallfahrt begibt, kann dies zu Fuß, mit Auto oder Bus oder auch per Flugzeug machen. Charakteristisch dafür sind eher kürzere Distanzen sowie Rituale und Formen wie das Rosenkranzgebet und der Empfang von Sakramenten, die meist im gemeinschaftlichen Vollzug die Wallfahrt umrahmen.

 

Im Unterschied dazu versteht Wintersteller Pilgern als ein Phänomen, das "offen und in allen Kulturen zu finden ist". Es geschieht allein oder in Gruppen und kennt kaum rituelle Vorgaben. Pilger begeben sich meist auf längere Wege, sind wochen- oder monatelang unterwegs und erwarten sich dabei nicht zuletzt persönlich bereichernde spirituelle Erfahrungen.

 

Spiritualität des Pilgerns

 

Die Einteilung sei grob und solle keinesfalls das Verbindende überdecken, so Wintersteller. "Pilger und Wallfahrer haben gemeinsam, dass sie ein Ziel haben." Denn: "Nicht der Weg ist das Ziel." Als Pilger weiß Wintersteller selbst, dass "man gern auf alten Spuren geht", die aber heute oft neue Botschaften brauchen. Pilgern könne so als Sinnbild unseres Lebens verstanden werden und werde dementsprechend auch nicht an Anziehungskraft verlieren. Denn für den Lebens- wie auch für den Pilgerweg gilt, dass Menschen sich dabei aufmachen und ein Ziel vor Augen haben: Jesus Christus.

 

Daniel Podertschnig

erschienen in: Zeitschrift "miteinander"

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