Friday 27. May 2016

Wunder|Weihnacht

"Im Anfang war das Wort…" Damit beginnt im Johannesevangelium die wohl unglaublichste Geschichte der Welt, die zugleich eine himmlische Geschichte ist. Unglaublich, weil dem Wort eine schöpferische Kraft zugesprochen wird, die man ihm im heutigen politisch-medialen Einheitsgebrabbel kaum mehr zutraut. Unglaublich auch, weil diese Geschichte, die bei Johannes so philosophisch beginnt, bei Matthäus und Lukas eine unerwartete Erdung erfährt: Gottes Reich kommt nicht in politischen Umbrüchen, nicht im Sturm der Geschichte, sondern im Kleinen, im Antlitz eines Neugeborenen.

 

"Im Anfang war das Wort …" – So wunderbar sich der Anfang des Anfangs bei Johannes auch liest, so sehr atmet er die Schwere der griechischen Philosophie. Leichtfüßig, geradezu kindlich dagegen Lukas: "In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen." Gottes Geschichte ist die Geschichte konkreter Menschen in einer konkreten Zeit. Gottes Wort schwebt nicht über der Welt, es wird in ihr aus Kindermund herausgeschrien. Herbeigesehnt wird diese Geschichte Gottes seit alttestamentlicher Zeit. Dennoch kam sie überraschend, unerwartet anders.

 

Gottes Geschichte ist die Geschichte konkreter Menschen in einer konkreten Zeit. Gottes Wort schwebt nicht über der Welt, es wird in ihr aus Kindermund herausgeschrien.


Es ist diese philosophische Spannung zwischen den Evangelien, die die Geschichte so einzigartig und so wahr macht. Die Spannung aufzulösen bedeutet, ihr den Stachel zu ziehen. Ihr Stachel ist ihr weltumgreifendes, ihr universales Moment. Es besagt: Was sich dort in Judäa, am Rande des römischen Imperiums, vor über 2.000 Jahren ereignet hat, hat Relevanz auch für heute, für alle.

"Ich glaube, auf dass ich lebe!", schrieb vor über 70 Jahren der russische Religionsphilosoph Leo Schestow. Er wandte sich damit provokant gegen all jene, die sich zu sehr auf die Seite philosophischer Welteinsicht geschlagen haben, die Glauben, Wahrheit und Wissen zur absoluten Melange verschmolzen sahen. Glauben, das war für Schestow dagegen jene erdige Mischung aus Schmerz und Lachen, Kummer und Freude. Wer in dieser Geschichte des Menschen das Bekenntnis zu Gott sprechen kann, der erwartet das Unerwartete, den Anbruch der Geschichte Gottes mit dem Menschen.

"Es begab sich aber zu der Zeit …" So beginnt die Weihnachtsgeschichte in der Luther-Übersetzung. Es kann uns nicht egal sein, was sich damals begeben hat.

 

Henning Klingen

katholisch.at


 

Das Weihnachtsevangelium
In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen.

 

So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete.

 

Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. In jener Gegend lagerten Hirten auf Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde.

 

Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.

 

Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade. Als die Engel sie verlassen hatten und in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Kommt, wir gehen nach Betlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden ließ.

 

So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten. Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.

 

Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für das, was sie gehört und gesehen hatten, denn alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war.

Evangelium nach Lukas, Kapitel 2, Verse 1 – 20 (Lk 2, 1-20)

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