Freitag 24. März 2017
Ukraine|Krise

In der Ukraine spielt sich derzeit die größte humanitäre Katastrophe in Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges ab. Darauf hat Caritaspräsident Michael Landau gegenüber "Kathpress" aufmerksam gemacht. Der von der Öffentlichkeit kaum mehr beachtete Krieg im Osten der Ukraine treffe ein Land, dass auch ohne Krieg schon am sozialen Abgrund stehe. Der Krieg verschärfe die Situation aber noch dramatisch, so der Caritaspräsident, der sich dieser Tage im Rahmen der aktuellen Kinderkampagne 2016 zu einem Lokalaugenschein in der Ukraine aufgehalten hat. Insgesamt seien mehr als 5 Millionen Menschen von den Wirren des Krieges betroffen, darunter mehr als 1,7 Millionen Kinder, so Landau.

 

Hnutovo, Caritasdirektor Rostyslav Sprinyuk
Odessa, Caritasdirektor Vasyl Kolodchin
Odessa, Caritas-Kinderzentrum, Caritaspräsident Landau
Hnutovo, Maria
Mariupol, Mariya Podybailo
Saporischja, Containersiedlung für Flüchtlinge
Odessa, Caritas-Kinderzentrum, Caritaspräsident Andrij Waskowycz (Ukraine) u. Caritaspräsident Michael Landau (Österreich)
Odessa, Caritas-Kinderzentrum
Odessa, Caritas-Kinderzentrum, Caritaspräsident Michael Landau
Hnutovo, Caritaspräsident Landau mit Raissa
Hnutovo, Caritas-Holzlieferung
Odessa, Caritas-Kinderzentrum, Oxana und ihr Sohn Marat
Mariupol, zerstörtes Haus
Odessa, Caritas-KInderzentrum, Caritaspräsident Landau

Seit dem Frühjahr 2014 tobt in der Ostukraine eine blutige Auseinandersetzung. Separatisten gründeten in Teilen der östlichen Bezirke Lugansk und Donezk mit tatkräftiger Unterstützung Russlands zwei "Volksrepubliken". Es folgten dramatische Kämpfe mit der ukrainischen Armee mit bisher mehr als 9.000 Toten und 30.000 Verwundeten. Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sind bereits 1,7 Millionen Menschen aus den umkämpften Gebieten in andere Landesteile geflohen, mehr als 1,1 Millionen Menschen flohen ins Ausland, der Großteil nach Russland.

 


Caritaspräsident Michael Landau


 

Die ukrainische Wirtschaft ist zugleich 2015 wieder stark geschrumpft. Die Inflationsrate betrug zuletzt fast 44 Prozent. Das Parlament in Kiew beschloss infolge ein Sparpaket mit Kürzungen der Sozialausgaben. Das Existenzminimum und der Mindestlohn liegen derzeit bei 50 Euro. "Doch damit kann bei der hohen Inflation niemand überleben" so Landau:

 

Tausende alte Menschen und sozial schwache Familien leben in Wohnungen ohne Strom, Gas und Heizung, weil sie die Rechnungen nicht begleichen können. Jeden Winter erfrieren dutzende Menschen, zum Teil in ihren Wohnungen.

 

Im Vorjahr seien in der Ukraine auch erstmals wieder Fälle von Kinderlähmung aufgetreten.

Noch immer würden bis zu zwei Millionen Menschen im Frontgebiet im Osten leben, wo sich die ukrainische Armee und die von Russland unterstützten Separatisten gegenüberstehen. Zwar wurde ein Waffenstillstand vereinbart, dieser hält aber nicht immer. Täglich gebe es Gefechte mit Toten und Verwundeten, berichtete Landau von seinem Lokalaugenschein.

Im Frontgebiet zurückgeblieben seien vor allem Alte und Kranke, sagte der Caritaspräsident. Die Caritas unterstützt diese Menschen vor Ort mit Nahrungsmittelpaketen, Heizmaterial und Medikamenten. Unter dem Krieg würden zudem vor allem auch die Kinder leiden. Viele von ihnen könnten derzeit keine Schule besuchen. An die 200 Bildungseinrichtungen - Schulen und Kindergärten - wurden zerstört und viele davon mussten geschlossen bleiben.

Chancen für Kinder in Not
Die Sorge um Flüchtlingskinder und Sozialwaisen ist einer der Schwerpunkte der Caritas-Arbeit in der Ukraine. In "Child Friendly Spaces" betreut die Caritas beispielsweise Flüchtlingskinder, die von den Kriegsgeschehen schwer traumatisiert sind. Zehn solche Zentren gibt es über das ganze Land verstreut. Zwei davon werden direkt von der Caritas Österreich unterstützt. Landau:

 

Es geht darum, Kindern in Not ein chancenreiches Aufwachsen und den Zugang zu Bildung zu ermöglichen.
Insgesamt möchte die Caritas mit der aktuellen Kinderkampagne 2016 50.000 Kindern in der Ukraine und anderen Staaten Osteuropas eine Zukunftsperspektive bieten, so Landau.

Kritik an heimischer Politik
Eindringlich nahm der Caritaspräsident die heimische Politik ins Gebet. Die Politiker in Österreich würden ihre ganze Energie in die Errichtung von Grenzzäunen stecken. Wenn sie zugleich von verstärkter Hilfe vor Ort sprechen, seien das hingegen nicht mehr als Sonntagsreden und Lippenbekenntnisse, kritisierte Landau:

 

Es würde unseren Politikern sicher gut tun, an die Front in der Ukraine zu fahren und persönlich mit den Menschen in Not und Angst zu sprechen.
Es brauche endlich mehr Geld für bilaterale Entwicklungszusammenarbeit, damit die Menschen in ihrem Herkunftsländern bleiben können und dort eine Zukunftsperspektive hätten. Umso unverständlicher sei es, dass von der Regierung zwischen 2011 und 2015 Gelder für die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit insgesamt um 60 Millionen gekürzt wurden.

Wie viele andere Staaten auch habe sich Österreich längst dazu bekannt und verpflichtet, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungshilfe aufzuwenden. Noch immer sei man von der Einhaltung dieses Versprechens meilenweit entfernt. Es sei empörend, dass es nur einen sogenannten "Stufenplan" gibt, der das Erreichen der 0,7 Prozent auf das Jahr 2030 verlegt, und dass es zudem nicht einmal erkennbare Zeichen gebe, diesen Stufenplan ernsthaft anzugehen, so Landau.

(Caritas-Spendenkonto: Erste Bank: IBAN: AT23 2011 1000 0123 4560, BIC: GIBAATWWXXX, Kennwort: Kinder in Not. Online-Spenden: www.caritas.at)

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