
Votivkirche: Anhaltende Solidarität
Flüchtlinge, die ihre Not und Verzweiflung zum Ausdruck bringen, müssten gehört und ernst genommen werden. Eine Räumung der Votivkirche - "wie jede Kirche ein Ort der Zuflucht und des Schutzes" - komme nicht in Frage: Darin waren sich der Wiener Bischofsvikar Dariusz Schutzki, der Wiener Caritasdirektor Michael Landau und der Direktor der evangelischen Diakonie, Michael Chalupka, am Freitagmittag in der Votivkirche einig. Nachdem in den frühen Morgenstunden das vor mehr als einem Monat von Asylwerbern errichtete Zeltlager vor der Kirche von der Polizei geräumt worden war, zeigten sich die Kirchenvertreter mit den Anliegen der 35 bis 40 Flüchtlingen, die sich in der Kirche aufhalten, 14 davon nach wie vor im Hungerstreik, solidarisch.
"Die Flüchtlinge haben eine deutliche Botschaft ausgesprochen, die insbesondere von den politisch Verantwortlichen ernst genommen werden muss. Es ist dies Botschaft des Evangeliums, sie ist konkret und fordert zum Handeln auf", so Bischofsvikar Schutzki mit deutlichen Worten nach der Räumung des Flüchtlingscamps im Sigmund Freud-Park. Der Kirche gehe es um die menschliche Dimension, um in Not Geratene, die der Hilfe bedürftig seien. "Ihr habt das Recht, gehört zu werden", bekräftigten Schutzki und Caritas-Direktor Landau.
Abdrängung in Illegalität
Der Hungerstreik der 14 von insgesamt 35 bis 40 Asylwerbern, die sich in der Votivkirche aufhalten, mache nach Auffassung von Landau "Grundsätzliches sichtbar": "Nicht jeder Asylantrag kann mit einer positive Bescheinigung enden. Aber es muss ein rasches, faires und qualitätsvolles Verfahren garantiert werden können. Die Hilfe suchenden Menschen, insbesondere die Kinder und Jugendlichen, brauchen eine adäquate Betreuung." Der Caritasdirektor kritisierte außerdem, dass "Asylwerber in Österreich in die Illegalität abgedrängt werden, weil ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt wird." Es sei jedoch menschenunwürdig, nicht für sich selbst und seine Angehörigen sorgen zu dürfen.
Den Vorwurf, der Protest instrumentalisiere die Asylproblematik, lassen Schutzki und Landau nicht gelten: "Uns geht es um die verzweifelte Situation der Menschen, die sich artikulieren. Ein solcher Einsatz ist zu respektieren. Wer hier von Erpressung spricht, hat von der Not der Menschen nichts verstanden", unterstreicht Landau.
Von Räumung überrascht
Von der Räumung des Flüchtlingscamps vor der Kirche durch die Polizei - die Aktion begann freitags um 4 Uhr früh und endete kurz nach 7 Uhr morgens mit der Auflassung des Zeltlagers, der Festnahme zweier Personen nach Fremdenpolizeigesetz und der Erstattung von Anzeigen wegen Verstoßes der Kampier- und anderer Verwaltungsverordnungen - seien Erzdiözese Wien, Caritas und Diakonie überrascht worden.
Michael Chalupka von der evangelischen Diakonie bezeichnete Räumung als "nicht hilfreich": "Für die ohnehin verunsicherten Menschen ist dies eine zusätzliche Belastung. Eigentlich angebracht wäre Deeskalation", so Chalupka. In der Betreuung der Hungerstreikenden durch Caritas und die zur Diakonie gehörigen Johanniter zeige sich eine "ökumenische Zusammenarbeit, die geeint ist im Grundsätzlichen: Die Kirche als Zufluchtsstätte, als Herbergsraum für Flüchtlinge zu öffnen", so der Diakonie-Direktor.
Gegen Scharfmacher und Missbrauch
Ebenfalls für eine Deeskalation sprach sich Caritas-Direktor Landau aus: "Problematisch sind einerseits die Scharfmacher gegen Flüchtlinge, die nicht verstehen wollen, dass Asyl ein grundlegendes Menschenrecht ist und gerade die Schwächsten betrifft. Problematisch sind andererseits auch jene, die versuchen, rechtsfreie Räume auszunützen und letztlich die konkrete Not der Menschen für eigene Interessen missbrauchen." Er wünsche sich, dass der "Runde Tisch" zur Asylfrage, an dem in der Vorwoche u.a. Vertreter des Innenministeriums und des Bundeskanzleramtes teilgenommen haben, wieder aufgenommen werde.
Die Hungerstreikenden seien nach den jüngsten Ereignissen nicht nur geschwächt, sondern auch verunsichert, so Landau und Chalupka. Die Räumung des Protestcamps im Freud-Park wollte die Caritas nicht bewerten. SOS Mitmensch sprach in einer Aussendung am Freitag von einer "brutalen" Aktion, die für eine "demokratische Protestkultur" ein "herber Schlag ins Gesicht" sei. Ganz anders wiederum die FPÖ: Sie forderte in einer Aussendung von Generalsekretär Harald Vilimsky die Räumung auch der Votivkirche. Die Grünen werfen wiederum der Bundesregierung vor, das Problem der Asylpolitik nicht "an der Wurzel zu packen".
Seit 18. Dezember befinden sich Asylwerber in der Votivkirche, nachdem sie zuvor an einem Protestmarsch vom Aufnahmezentrum Traiskirchen nach Wien teilgenommen hatten. Vor der Votivkirche wurde ein nun geräumtes Zeltlager errichtet. Am Heiligen Abend traten etwa 14 Flüchtlinge in der Kirche in den Hungerstreik, sie werden von Mitarbeitern der Caritas und der Johanniter betreut. Sie fordern u.a. eine adäquate Grundversorgung für alle Asylwerber, die freie Wahl des Aufenthaltsortes, Zugang zu Arbeitsmarkt und Bildungsinstitutionen und die Anerkennung von sozioökonomischen Fluchtmotiven als Asylgrund.
Quelle: Kathpress