
Das vatikanische Jahr 2019
Der Amazonas wirbelt den Tiber auf
Das vatikanische Jahr 2019
Der Amazonas wirbelt den Tiber auf
Das 2018 bestimmende Thema Missbrauch bescherte dem Vatikan im Februar 2019 ein Medienaufgebot, das eines Konklaves würdig gewesen wäre. Viele erwarteten vom Anti-Missbrauchsgipfel rasche und klare Entscheidungen. So wurde das vom Papst einberufene Treffen durch tägliche Demonstrationen und Gegen-Pressekonferenzen von Opferverbänden begleitet. "Zero tolerance", lautete ihre wiederholte Forderung. An Tag 1 nach dem Krisentreffen müsse jeder Kleriker, der des Missbrauchs verdächtigt ist, angezeigt, und wer überführt ist, aus dem Priesterstand entlassen werden, forderten Initiativen wie "Ending Clerical Abuse".
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Derweil mussten die Organisatoren des Krisengipfels um die Jesuiten Federico Lombardi und Hans Zollner sowie Maltas Erzbischof Charles Scicluna etliche der nach Rom zitierten Bischöfe erst einmal davon überzeugen, dass Missbrauch und Vertuschung auch bei diesen ein Problem sind. Nicht nur in Westeuropa und Nordamerika.
In der Synodenaula trugen Kardinäle wie Reinhard Marx und Blase Cupich Ideen und Konzepte vor, wie insbesondere der "accountability" von Kirchenoberen, also deren Verantwortlichkeit beim Umgang mit Verdachtsfällen, gerecht zu werden ist. Ein Thema, das mit dem Krisengipfel zunehmend Aufmerksamkeit erhielt.
Die meiste Resonanz in der Synodenaula fanden indes die Redebeiträge dreier Frauen: einer leitenden Kurienmitarbeiterin, einer nigerianischen Ordensfrau und einer mexikanischen Journalistin - die alle drei "Tacheles" redeten. Das Echo bestätigte einen Trend spätestens seit der Jugendsynode 2018: Je weniger die Bischöfe bei solchen Gipfeltreffen unter sich sind, umso besser für die Gespräche.
Und so wie die Jugendsynode von der Anwesenheit junger Menschen profitierte, tat dies ein Jahr später die Amazonas-Synode im Oktober von den Beiträgen indigener Vertreter. Was zur Folge hatte, dass auch in diesem Synodenherbst Forderungen nach erweiterten Stimmrechten laut wurden - zumindest für Ordensvertreterinnen.
Daneben zeigte sich um die Amazonas-Synode ein in seiner Schärfe bislang unbekannter binnenkirchlicher "clash of civilizations" - vor allem bei Fragen indigener Kultur und Weltbilder. Die bloße Anwesenheit von Indigenen mit Federschmuck im Petersdom und vor allem der vermeintliche "Pachamama"-Skandal um angeblich im Vatikan verehrte Götzenfiguren provozierten bei Rechts-Traditionalisten absurde Diskussionen und üble Schmähungen - die am Ende die Synode ebenso zu überschatten drohten, wie das europäische Schielen auf einen Durchbruch bei den "viri probati" und Diakoninnen. Dass dadurch die lebensgefährliche Lage des Amazonasgebiets, der Indigenen dort und ihre Sicht zu kurz kamen, merkten etliche an; mit mäßigem Erfolg.
Durch die Diskussionen um Frauen, Diakoninnen und "viri probati" erfuhr auch der parallel in Deutschland vorbereitete Synodale Weg internationale Aufmerksamkeit. Just bei diesem "Sonderweg" der Deutschen zeigte sich Franziskus von seiner anderen, nördlich der Alpen wenig verstandenen Seite. In einem 19 Seiten langen Brief an das "pilgernde Volk Gottes in Deutschland" lobt er zwar Engagement und die Reformanstrengungen der deutschen Katholiken. Zugleich mahnt der Papst die Einheit mit der Weltkirche an. Und vor allem müsse es um Evangelisierung gehen.
Eine noch zu wenig beachtete Initiative ist das "Dokument zur menschlichen Brüderlichkeit", das Franziskus Anfang Februar in Abu Dhabi mit dem Großimam von Al-Azhar, Ahmad Al-Tayyeb, unterzeichnete. Wiederholt erwähnte der Papst die katholisch-muslimische Selbstverpflichtung, übergab sie Gästen und Gastgebern - zuletzt dem buddhistischen Patriarchen in Bangkok. UNO-Generalsekretär Guterres schlug er dazu jetzt einen eigenen Aktionstag vor.
Franziskus lädt alle ein, sich dem gemeinsamen Einsatz für Dialog, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung anzuschließen - in Respekt vor Unterschieden und Identitäten. Mehrfach wurde er zum mahnenden Friedensaktivisten: nicht nur in Mosambik, Madagaskar, Hiroshima und Nagasaki.
Auch sein Anliegen einer Inkulturation der christlichen Botschaft trieb Franziskus voran: vor allem in Asien. Die Kirche müsse jeweils ein regionales Gesicht bekommen und das Evangelium sich "seiner zwar guten, aber ausländischen Kleidung entledigen". Es gelte, "nach neuen Symbolen und Bildern zu suchen", um andere für den Glauben zu interessieren.
Des Papstes ständige Mahnungen zu einer synodalen Kirche, in der man sich auf Augenhöhe begegne, aufeinander und auf Gottes Geist höre, verhallen vielerorts. Dass fromme Mahnungen allein nicht genügen, zeigte sich 2019 auch bei der Kurienreform. Einer der Hauptaufträge an einen neuen Papst, den die Kardinäle im März 2013 formulierten, hat sechs Jahre später Schwung verloren.
Auf den im April verschickten Entwurf einer neuen Kurienverfassung gab es dem Vernehmen nach aus der Kurie teils scharfe Kritik, wohingegen einzelne Bischofskonferenzen deutlich mehr Reform wollen. Behindert werden große Entwürfe zudem durch ein strukturelles Finanzdefizit und Skandale im Vatikan, mangelndes Fachpersonal und fortbestehende Intransparenz, über die selbst zuständige Verantwortungsträger klagen. Nur langsam scheinen Kontroll- und Steuerungsmaßnahmen zu greifen, die zuerst Benedikt XVI. und dann Franziskus installiert haben.
Quelle: Kathpress