
Tagsüber nächtliche Stille im Stephansdom
Wer immer schon den Wunsch hatte, die erhabene Stille der Nacht im gotischen Stephansdom zu erleben, der kann das jetzt auch tagsüber erfahren. Das zeigt ein Kathpress-Lokalaugenschein am Montagmorgen in der mittelalterlichen Kathedrale. Es ist knapp vor neun Uhr und nur ein einziger Beter befindet sich am Seitenaltar vor dem berühmten Gnadenbild von Maria Pocs. Wo sonst schon morgens hunderte Flammen tänzeln und dem Raum bei aller Ruhe und Größe dennoch Wärme und Geborgenheit geben, flackern heute nur drei Kerzen. Es ist der erste Tag, an dem österreichweit in den Kirchen keine Versammlungen und Gottesdienste stattfinden. Und so leergefegt wie der Dom sind auch der Platz davor und die sonst belebten Fußgängerzonen, die wie Hauptschlagadern zum spirituellen Herz der Wiener City führen.
Der Stephansdom ist schon seit vergangener Woche für Touristen geschlossen. Er bleibt aber offen für alle, die dort beten, Ruhe suchen oder auch beichten wollen. An diesem Montagmorgen drängt sich niemand am großen Gitter, das den Eingangsbereich vom Rest des Doms trennt. Nur Tamas Steigerwald, Kirchenmeister des Domes und somit für die gesamte Verwaltung und das Personal der Metropolitankirche zuständig, steht dort alleine.
Ich kenne und genieße die nächtliche Stille im Stephansdom, wenn er am Abend geschlossen wird, aber das jetzt ist gespenstisch.
Steigerwald verschlägt es fast die Stimme, und nach einer längeren Pause fügt er lapidar hinzu: "Es schmerzt, es tut wirklich weh."
Währenddessen öffnet sich die Tür beim Aussprachezimmer. Ein Priester, der dort für den Beichtdienst zuständig ist, nützt den fehlenden Andrang, um sich kurz die Füße zu vertreten. Nach einigen Minuten kehrt er zurück. Inzwischen wartet - endlich - jemand, um das Sakrament der Lossprechung zu empfangen. Der Priester öffnete bedächtig die Tür, hinter der sich die beiden zurückziehen.
Dann und wann kommen vereinzelt Gläubige in den Dom in der Annahme, dass es doch eine Messe gebe. Ein Blick auf die ausgehängten Informationen macht klar, dass Gottesdienste inzwischen ausgesetzt sind. Stattdessen findet jetzt täglich eine einzige Messe mit Dompfarrer Toni Faber um 12 Uhr statt, die von "radio klassik Stephansdom" live übertragen wird. Aber auch hier gilt die Regel, dass Gläubige nicht direkt daran teilnehmen können. Einige werden wohl hinten am Gitter stehen und mitfeiern. "So etwas hatten wir noch nie", murmelt der Kirchenmeister kopfschüttelnd und verschwindet im Dunkel des Seitenschiffes. Auch der einsame Beter vor Maria Pocs hat inzwischen den Dom verlassen und kurz beim Ausgang gestockt, weil auch der Platz noch immer gähnend leer ist.
Quelle: kathpress