
Jüdisches Neujahrsfest:
Kirchenvertreter mahnen zum Einsatz gegen Antisemitismus
Jüdisches Neujahrsfest:
Kirchenvertreter mahnen zum Einsatz gegen Antisemitismus
Die Erinnerung an die mehrfache Verfolgung der Juden in der Geschichte Österreichs mahnt nach den Worten von Kardinal Christoph Schönborn zum anhaltenden "entschiedenen Einsatz gegen Antijudaismus und Antisemitismus". Es sei schön, dass "die jüdischen Gemeinden in Österreich wieder aufgeblüht sind und dass die Christen deren Mitgliedern von Herzen 'shana tova u'metuka' wünschen dürfen, ein 'gutes und süßes Jahr'", schreibt der Wiener Erzbischof in einem Glückwunsch zum jüdischen Neujahrsfest (Rosch ha Schana) in der neuesten Ausgabe der jüdischen Kulturzeitschrift "David". Aber in die Freude mische sich auch mancher Schatten, der umso ernster zu nehmen sei, wenn man auf die Geschichte Österreichs schaue, so der Kardinal.
Gerade jetzt jähre sich die 1. Wiener Gesera der Jahre 1420/21 zum 600. Mal, erinnert Schönborn. Der Wiener Erzbischof zitiert die Meinung von Historikern, dass Herzog Albrecht durch eine Kombination aus wirtschaftlichen, politischen und religiösen Motiven - "die mit den öffentlich vorgebrachten Beschuldigungen (Hostienfrevel usw.) nichts zu tun hatten" - zur Verfolgung der Juden bewogen worden sei. Am 23. Mai 1420 seien jedenfalls auf Befehl Herzog Albrechts alle Juden in seinen Staaten gefangen genommen worden. Nach etwa einem Monat habe man die Mittellosen des Landes verwiesen, während die Begüterten weiter in Haft blieben. Am 12. März 1421 sei dann das Dekret Herzog Albrechts verkündet worden, das die Juden zum Feuertod verurteilte: "Am selben Tag wurden 92 Männer und 120 Frauen auf der Gänseweide in Erdberg verbrannt."
Gott sei Dank ist es in den letzten Jahrzehnten in den christlichen Kirchen zu einer Neubesinnung gekommen, die bewusst gemacht hat, dass man nur Christ sein kann, wenn man die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens hochschätzt.
Es sei zutiefst betrüblich, dass es nach dieser Katastrophe vor 350 Jahren - im Jahr 1670 - zu einer 2. Wiener Gesera kam. Gründe für diese zweite Vertreibung seien die judenfeindliche Einstellung eines großen Teils der damaligen Wiener gewesen, "gepaart mit Verdächtigungen und haltlosen Unterstellungen". Auch die 2. Wiener Gesera sei eine Katastrophe für die jüdische Bevölkerung und ein schmerzlicher Verlust für Wien gewesen, so Schönborn.
Und in den dunklen Jahren von 1938 bis 1945 sollte es dann zu einer 3. Gesera von ungeheurem Ausmaß kommen, die "so viele Menschen vernichtet, so viele kostbare Errungenschaften der Kultur und Zivilisation hinweggefegt hat".
Abschließend stellt Kardinal Schönborn fest: "Gott sei Dank ist es in den letzten Jahrzehnten in den christlichen Kirchen zu einer Neubesinnung gekommen, die bewusst gemacht hat, dass man nur Christ sein kann, wenn man die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens hochschätzt."
Lackner: Menschen bedürfen der Barmherzigkeit
Die Zeitschrift "David" veröffentlichte auch weitere Wünsche und Gedanken von Spitzenvertretern der christlichen Kirchen in Österreich zu Rosch ha Schana. So erinnert der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, Erzbischof Franz Lackner, daran, dass am Neujahrstag nach jüdischer Auffassung die Taten eines jeden Menschen vor Gott gewogen werden, damit beginne eine intensive Zeit der Selbstbesinnung, der Reue und des Gebets.
Wörtlich schreibt Erzbischof Lackner: "Welche Hochschätzung des Einzelnen und welche Einsicht in die Bedeutung der Tat spiegeln sich in der Annahme, dass eine gute Tat entscheidend sein könnte für das Schicksal der Welt im kommenden Jahr." Zugleich erinnerten die Gebete zu Rosch ha Schana daran, "dass wir als Menschen der Barmherzigkeit und Gnade bedürfen, um bestehen zu können".
Der Linzer Diözesanbischof Manfred Scheuer, stellvertretender Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz und ihr Ökumene-Referent, verweist darauf, dass "Israel als Volk das Andenken seiner Geschichte feiert, weil es in ihr die Führung durch den Herrn erkennt". Das Gedächtnis Israels sei die Geschichte eines Volkes, das ohne das Eingreifen Gottes nicht verständlich wäre. In der feiernden Erinnerung vollziehe sich die Rückkehr zu den gemeinsamen Wurzeln. Der Neujahrstag werde als Tag des Gedenkens gefeiert, Gott "vergisst keines seiner Geschöpfe". Er sei der, "der die Trümmer der Vergangenheit zusammenfügen kann, der die Verlorenen heimholt, die Zerschlagenen lebendig macht, die Tränen trocknet, den Toten Hoffnung gibt, die Leiden der Geschichte heilt, die Vergessenen, die Opfer aufrichtet". Mit diesen Gedanken verbinde sich die Hoffnung, dass das neue Jahr den "von allen ersehnten und von Herzen erbetenen Frieden in Israel bringen möge".
Chalupka: Buße, Gebet, Taten der Gerechtigkeit
Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka betont den Unterschied zwischen dem säkularen Neujahrsfest und Rosch ha Schana. Dass Rosch ha Schana auch Tag des Gerichts ist, sei außerhalb des Judentums durch die Vertonung des Gebets "Unetane Tokef" durch Leonard Cohens "Who by fire" bewusst geworden. Cohen halte sich eng an das Original: "Am Neujahrstag werden sie eingeschrieben und am Tage der Versöhnung besiegelt, wie viele dahinscheiden und wie viele geboren werden, wer leben soll und wer sterben wird, wer zu seiner Zeit und wer vor seiner Zeit, wer durch Feuer und wer durch Wasser, wer durch Schwert und wer durch Hunger, wer durch den Sturm und wer durch Seuche". Auf die existenzielle Frage, was zu tun bleibt, wenn alles "eingeschrieben" ist, laute die Antwort der jüdischen Tradition: "Teshuva (Buße), tefilla (Gebet) und tzedaka (Taten der Gerechtigkeit) können die Strenge des Erlasses abwenden". Auch wenn zu Gebet, Buße und Rechtschaffenheit der Einzelne aufgerufen ist, werde doch deutlich, dass "alles, was wir tun, mit dem Wohlergehen der Schöpfung und aller Menschen verflochten ist", so Chalupka.
Der evangelisch-reformierte Landessuperintendent (und stellvertretende Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich/ÖRKÖ), Thomas Hennefeld, betont, dass die Corona-Pandemie vor Augen geführt hat, "dass wir als Menschheit alle in einem Boot sitzen". Da sei es wichtig, "dass die Religionsgemeinschaften näher zusammenrücken".
Der Landessuperintendent weist darauf hin, dass Rosch ha Schana nach dem Talmud an die Schöpfung Gottes erinnert, "besonders an den sechsten Schöpfungstag, an dem der Mensch geschaffen wurde und damit die Schöpfung zur Vollendung kam". Mit der "Schöpfungszeit" (1. September bis 4. Oktober) sei auch den Christen bewusst geworden, wie verletzlich und bedroht die Schöpfung Gottes ist: "Die Erinnerung an die Erschaffung des Menschen macht die Würde jedes einzelnen Menschen deutlich und gleichzeitig die Verantwortung des Menschen, mit der Schöpfung Gottes achtsam umzugehen und alle Anstrengungen zu unternehmen, diese gute Schöpfung zu bewahren".
Quelle: Kathpress