
Theologe: Elend auf Lesbos "muss ein Ende haben"
Über seine Erfahrungen bei einem mehrwöchigem Freiwilligeneinsatz auf der griechischen Insel Lesbos berichtete der Theologe Heinz Mittermayr in einem Interview mit der Linzer "KirchenZeitung" (aktuelle Ausgabe). "Ich finde es erschreckend, wie sie dahinvegetieren müssen. Sie dürfen das Camp ja nur sehr eingeschränkt und an Sonn- und Feiertagen gar nicht verlassen und es gibt kaum alternative Freizeitmöglichkeiten", so der Abteilungsleiter der "Katholischen ArbeitnehmerInnen Bewegung und Betriebsseelsorge" der Diözese Linz.
Mittermayr ist derzeit für die Organisation von Doro Blancke (www.doroblancke.at) und für "Leave No One behind" (www.lnob.net) im Einsatz, u.a. im neuen Camp "Mavrovouni", wo derzeit knapp 2.000 Menschen leben. Das Elend der Menschen dort "muss dringend eine Ende haben". Neben viel Leid habe es hoffnungsvolle Erlebnisse gegeben, wie den Aufbruch zweier junger Syrer mittels "Resettlementprogramm" nach Italien. Davon "würde es noch viel mehr brauchen", zeigte sich Mittermayr überzeugt.
Er engagiere sich für NGOs, die sich bewusst entschlossen haben, von außerhalb des Lagers zu helfen. "Denn wer im Lager arbeitet, muss sich gegenüber der Leitung verpflichten, nichts Kritisches mehr zu berichten. Dann ist man Teil des Systems und das wollen wir nicht", unterstrich er. Es sei notwendig, Lebensmittelpakete mit Reis, Tomaten, Erdäpfeln und Öl zu verteilen, weil das Essen im Camp "minderwertig" sei. "Viele vertragen es einfach nicht." Außerdem sei es der ausdrückliche Wunsch der Geflüchteten, dass sie Lebensmittel zum Kochen bekommen.
Durch seinen Freiwilligeneinsatz komme er mehrmals täglich ins Camp, etwa um Geflüchtete zur Physiotherapie zu fahren, die von Freiwilligen angeboten wird. Neben körperlichen Gebrechen treten häufig infolge von Kriegs- und Fluchtsituation zusätzliche Beschwerden auf. Mittermayr kritisierte die europäische Politik. Es brauche "mehr Aufmerksamkeit, was da wirklich los ist", denn es werde viel zu viel beschönigt, wie etwa beim Besuch des Papstes im Dezember, als die Schiffe der Grenz- und Küstenwache beiseite geräumt worden seien.
"Menschenrechtsverletzungen im Namen der EU"
Er sprach von "Menschenverachtung pur" und forderte notwendige "beschleunigte Asylverfahren", "legale Wege für Menschen auf der Flucht nach Westeuropa", und ein Ende der "illegalen Pushbacks, die ständig passieren". Diese seien "ein klarer Verstoß gegen das Recht auf Asyl, an dem auch Frontex, die europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache, beteiligt ist." Das seien "Menschenrechtsverletzungen im Namen der EU".
Die Sicherheitslage im Lager habe sich gegenüber Moria, wo Frauen regelmäßig vergewaltigt wurden, deutlich verbessert. "Das Aufgebot an Polizei im Camp ist gewaltig und verhindert Übergriffe." Ungefährlich sei das Leben im Camp aber dennoch nicht. Von Bränden und anderen menschenunwürdigen Lebensumständen könne er berichten: "Die Familien leben in Containern oder Plastikzelten mit etwas an Privatsphäre."
Zudem sei die Stromversorgung mangelhaft und nicht durch die griechische Regierung gewährleistet, was bedeute, im Winter nicht heizen zu können. Auch die Versorgung mit Sanitäranlagen sei hier mangelhaft. Für die Duschen reiche etwa die Warmwasserversorgung nicht aus, im Quarantänebereich gebe es für die Neuankömmlinge wochenlang nur kaltes Wasser. Angebote der NGOs zum Duschen außerhalb des Camps seien deshalb notwendig.
Im September 2020 ist das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos abgebrannt. 12.000 Menschen wurden dabei obdachlos. Durch die geringere Anzahl an Bewohnerinnen und Bewohnern haben sich die Lebensbedingungen im Nachfolgelager "Mavrovouni" etwas verbessert. Laut Ärzte ohne Grenzen sind sie aber nach wie vor menschenunwürdig und unzureichend. Die Geflüchteten klagen etwa über Kakerlaken, Mäuse und Bettwanzen. Dazu kommt, dass die Flüchtlingslager in Athen oder Thessaloniki zunehmend überfüllt sind und sich zu neuen Problem-Hotspots entwickeln.
Quelle: Kathpress