
Theologe: Jesu Auftrag "Geht hinaus" meint auch Richtung Politik
"Geht hinaus". Dieser Auftrag Jesu an seine Jünger muss für die Kirche auch gesellschaftspolitisches Engagement mit dem Ziel eines "Lebens in Fülle" für alle Menschen bedeuten. Wie der Salzburger Theologe Andreas G. Weiß in der Wochenzeitung "Die Furche" (10. Februar) ausführte, gab es zuletzt bei Themen wie Beihilfe zum Suizid, Sonntagsöffnung im Advent oder Corona-Maßnahmen "durchaus Potenzial dafür, die großen Religionsgemeinschaften in Österreich aus ihrer lange dauernden Lethargie zu bringen". Allerdings werde die Relevanz im öffentlichen Diskurs durch eine "binnenkirchliche Polarisierung" geschwächt. Weiß kritisierte dabei konservative Kreise, die "politische Einmischung" nur dort goutierten, "wo die eigene traditionalistische Linie auf dem Spiel steht".
Wer sich als kirchliche Stimme politisch äußert, macht sich laut dem Theologen angreifbar - nicht nur von Seiten der politischen Öffentlichkeit, sondern auch kirchenintern. Weiß sieht hier "einschlägige, meist privat finanzierte Foren konservativer Kreise" nach einem deutlich erkennbaren Muster vorgehen. Bei den Themen Integration, Impfpflicht und Corona-Maßnahmen erwarteten Traditionalisten von den Bischöfen Zurückhaltung, würden "gleichzeitig aber bei Lebensschutz, Sonntagsöffnung und LGBT-Themen die öffentliche Proklamation der konservativen Linien einfordern".
Wem es in erster Linie um die "Sicherstellung einer ekklesialen Identitätspolitik" gehe, "die sich an den klassischen Themen kirchenpolitischer Endlosschleifen abarbeiten möchte", legt nach den Worten Weiß' wenig Wert auf ernsthafte Auseinandersetzung mit zeitgeschichtlichen Problemen. Der Theologe und Erwachsenenbildner wies auf eine "paradoxe Lage" hin: Einerseits werde ein schier unaufhaltsamer Relevanzverlust religiöser Stimmen in der Öffentlichkeit beklagt, andererseits würden innerkirchlich "gerade jene Wortmeldungen, die nicht in die eigene Linie passen, mit der bekannten Argumentation einer strikten Trennung von staatlicher Autorität und kirchlicher Sendung zu unterbinden gesucht".
"Neuevangelisierung" als Rückzugsideologie
Gerade das Stichwort "Neuevangelisierung" müsse oft als ideologisches Gegenstück zum politischen Engagement herhalten, merkte Weiß an: Nicht in einer politischen Positionierung sei die "wahre" Berufung des Christseins zu finden, sondern in der Neuentdeckung einer nach innen gekehrten Spiritualität, umschrieb er diese "fragwürdige Konstruktion".
Sich im Modus einer Verteidigungspolitik in die letzten Bastionen zurückzuziehen und in Form einer Trotzreaktion jegliche Mitarbeit am sozialen Leben einzustellen, ist laut Weiß keine verantwortbare Option. "Christliche Existenz lebt von ihrer praktischen Stellungnahme im Politischen - in Form einer produktiven Auseinandersetzung." Dafür müsse der gesellschaftspolitischen Bereich wieder vermehrt als "locus theologicus", als Ort der theologischen Inspiration und Bewährung angesehen werden.
Quelle: kathpress