
Theologe: Kirche braucht mehr Demokratie, weniger Hierarchie
Will sie nicht zu einer "klerikalen Sekte" zusammenschrumpfen, muss die katholische Kirche mehr Demokratie wagen, statt ihre hierarchische Struktur weiterhin zu verteidigen: Das hat der Wiener Theologe Prof. Wolfgang Treitler in einem aktuellen Beitrag für das theologische Debatten-Portal "feinschwarz.net" betont. Am Gelingen dieser Demokratisierung, die bis hin zur Einsetzung von Bischöfen und Priestern vor Ort reichen müsste, hänge nicht weniger als die "Zukunftsfähigkeit der Katholischen Kirche". Nur so lasse sich schließlich die von vielen nicht mehr verstandene kirchliche Binnensprache überwinden und das Schlagwort der Synodalität mit Leben füllen. Eine allein "auf sich bezogene hierarchische Form ist am Ende, die sie stützende Theologie tot", zeigte sich Treitler überzeugt.
Entsprechend müsse das, was Papst Franziskus mit dem aktuellen synodalen Prozess zaghaft ins Werk gesetzt hat, deutlich forciert werden. Noch seien Synoden schließlich nicht ausgewogen besetzt und würden sich nicht kirchenrechtlich verbindlich niederschlagen. Außerdem sei man "von echten, substanziellen Diskursen, die wirken und Entscheidungen vorbereiten, (...) weit entfernt". Eine binnenkirchliche, "abgewetzte Sprache" trage weiters dazu bei, dass die kirchlichen Lehrformeln immer weniger Menschen erreichen, so Treitler. "Darüber hilft der absolutistische Gestus ebenso wenig hinweg wie die Idee von Synodalität, die aufgrund eben dieses Grundgestus keine institutionellen Folgen zulässt oder nach sich zieht."
Die strenge Hierarchie könne sich in ihrer heutigen Form auch nicht auf das Neue Testament berufen, führte der Theologe weiter aus. Vielmehr verdanke sie sich einer "Militarisierung der römischen Gemeinde im Zeichen radikaler Gehorsamsunterwerfung", von der der erste Clemensbrief berichte. Dies sei hierarchisch gepflegt und schließlich im 19. Jahrhundert mit dem Ersten Vatikanischen Konzil (1869/70) und der Verkündung des Jurisdiktionsprimats und der Unfehlbarkeit des Papstes zu einem Höhepunkt gekommen.
Judentum kann Demokratie
Wer dies verteidige und gleichzeitig die Demokratie als Verfahren auch für innerkirchliche Prozesse in Misskredit ziehe, male jedoch "eine Karikatur an die Wand". Schließlich stelle die Demokratie ein hoch komplexes und anspruchsvolles, auf Bildung und Reife fußendes Modell dar, wie es im übrigen laut Treitler schon seit Jahrhunderten von jüdischen Gemeinschaften praktiziert werde. "Die Rabbinen sind keine Priester, sondern Lehrer ihrer Gemeinden, von diesen allein eingesetzt und daher mit ihnen unterwegs und ihnen rechenschaftspflichtig." Ein Modell mit Vorbildcharakter auch für die Katholische Kirche, so Treitler. "Bischöfe nach dem Willen des Volkes einzusetzen, ist weder neu noch übel, ebenso Pfarrer." Kompetente Personen gebe es genügend in der Kirche, die noch dazu von den Glaubenden anerkannt wären.
Eine solch tiefgreifende und praktisch ansetzende Demokratisierung der Kirche mache daher auch mit der biblischen Einsicht ernst, "dass nicht der zölibatäre Mann des kirchlichen Amtes, sondern erst mindestens zwei unterschiedliche Menschen gemeinsam und ohne jede hierarchische Differenz Ebenbild des unsichtbaren (...) Heiligen sind." Frauen als Pfarrerinnen, von Gemeinden ausgewählt; Jugendliche, die nach der Firmung Gottesdienste leiten können; verheiratete Priester und Bischöfe beiderlei Geschlechts: "Warum nicht?", so Treitlers provokante Frage. Doch die Zeit dränge: "Heute kann man die kirchliche Demokratisierung wahrscheinlich noch gestalten. Morgen mag es dafür zu spät sein, wenn eine klerikale Sekte auf sich zusammengeschrumpft sein wird".
(Beitrag im Volltext: www.feinschwarz.net/kirche-als-demokratie)
Quelle: kathpress