
Experte für Suchtprävention: Digitale Medien verantwortungsvoll nutzen
In den Familien herrscht heute immer häufiger Stille, weil Kinder und Eltern in digitalen Welten versunken sind. Trotz Pandemie sind reale Begegnungen außerhalb der Virtualität, Erfahrungen mit der Wirklichkeit, das gemeinsame "analoge" Spiel besonders in der Kindheit, aber auch für Erwachsene wichtig. Darauf hat Markus Weißensteiner, Leiter der Abteilung Suchtprävention der "Fachstelle NÖ", in der St. Pöltner Kirchenzeitung "Kirche bunt" (aktuelle Ausgabe) hingewiesen. Digitale Medien können glücklich machen, aber auch süchtig. Mit jedem "Gefällt mir", jeder Belohnung in einem Spiel schüttet der Körper Glückshormone aus. "Spiele sind so konzipiert, dass sie durch gezielt gesetzte optische oder akustische Reize Aufmerksamkeit erregen und die Dauer des Spielens belohnen", erklärte er.
Regelmäßig alle 30 Minuten eine Belohnung, der tägliche Bonus, oder jener für Spielaktivität fünf Tage hintereinander seien keine Seltenheit. Bei anderen Spielen könne man nur als vollständiges Team ein Ziel erreichen, nämlich zu spielen, um das Team nicht hängenzulassen. Weißensteiner unterscheidet zwischen verantwortungsvollem Gebrauch von Medien, problematischem Medienkonsum und Internetabhängigkeit. Problematisch werde Medienkonsum dann, wenn Gefühle und Probleme damit kompensiert oder ausgeblendet werden sollen: Ein Kind spielt ein Computerspiel, um nicht an die Schule denken zu müssen. Ein Mädchen surft im Internet, um das Gefühl von Einsamkeit zu umgehen. Das Problem werde dadurch nicht bewältigt, sondern zur Seite geschoben.
Insgesamt beobachtet Weißensteiner eine enorme Zunahme bei der Nutzung digitaler Medien während der Corona-Pandemie. Neben Homeschooling und Online-Hausübungen seien auch Online-Spiele und digitale Ablenkung vermehrt genutzt worden.
"Familien-Kultur positiv prägen"
Eltern, die sich angesichts der Anziehungskraft digitaler Medien Sorgen um ihr Kind machen, rät Weißensteiner: "Als Vorbild die Familien-Kultur positiv prägen", etwa indem das Smartphone zur Seite gelegt wird, wenn die Kinder bzw. Jugendlichen dabei sind. Zudem sei es hilfreich, in der Freizeit aktiv zu sein und Hobbys zu pflegen, Freunde einzuladen und Feste zu feiern.
"Der Umgang mit Medien ist eine Aufgabe der Erziehung", appellierte Weißensteiner an die Eltern, dem Thema aktiv Aufmerksamkeit zu schenken und selbst medienkompetent zu werden. "Bei Babys und Kleinkindern haben digitale Medien einfach nichts verloren", ist der Experte überzeugt, "und auch Kindergartenkinder brauchen sie nicht". Später solle man gemeinsam mit dem Kind Bilder und Videos anschauen, auch damit das Kind über das Gesehene sprechen kann. Überhaupt sei es wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern über Inhalte reden, sich für ihre Online-Tätigkeiten interessieren, um ihre Meinung fragen statt zu belehren und eigene Sichtweisen zur Sprache zu bringen.
Für jüngere Kinder müssen Zeiten für Medien festgesetzt werden, mit älteren können diese ausverhandelt werden, meinte der Experte. Eltern könnten medienfreie Zeiten definieren sowie Alternativen zum Medienkonsum anbieten. Die Geräte verschwinden laut Weißensteiner am besten nachts aus dem Kinderzimmer. Bei der Nutzung von altersbeschränkten Messenger-Diensten wie WhatsApp sollten Eltern regelmäßig die Chats ihres Kindes mit ihm gemeinsam lesen, weil es hier auch um die Einhaltung von Gesetzen ("Recht am eigenen Bild" oder Mobbing) gehe.
Die St. Pöltner "Fachstelle NÖ" versteht sich als Drehscheibe und Kompetenzzentrum für Suchtprävention und Sexualpädagogik. Ihre Angebote richten sich an Kinder und Jugendliche, Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sowie an Mitarbeitende von Vereinen, Betrieben, Gemeinden und sozialen Einrichtungen. (Infos: www.fachstelle.at)
Quelle: kathpress