
Landau zu inklusivem Arbeitsmarkt: Noch viele Barrieren abzubauen
Beim Zugang von Menschen mit Behinderungen zum Arbeitsmarkt gibt es "noch viele Barrieren abzubauen - in den Köpfen und in Strukturen": Darauf hat Caritas-Präsident Michael Landau am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien aufmerksam gemacht, bei der schon die Besetzung am Podium den Caritas-Grundsatz "Nicht über uns ohne uns" verdeutlichte. Neben Landau sprachen sich drei selbst behinderte Interessenvertretende sowie mit Barbara Schiller eine Verantwortliche der Caritas OÖ für mehr Maßnahmen zur Förderung eines inklusiven Arbeitsmarktes aus. Das Problem ist virulent: In Österreich leben laut Caritas-Angaben ca. 1,4 Millionen Menschen mit Behinderungen in Form von körperlichen, sensorischen, psychosozialen und kognitiven Beeinträchtigungen.
Um das Thema Inklusion sei es zuletzt "still geworden", bedauerte Landau, auch wenn staatliche Maßnahmen in diese Richtung wie der Nationale Aktionsplan Behinderung des Sozialministeriums oder der Inklusionsgipfel vom Dezember 2021 mit Arbeitsminister Martin Kocher zu begrüßen seien. Viele Menschen mit Behinderungen verharren rechtlich bis ins hohe Alter in der Rolle eines Kindes, beklagte der Caritas-Präsident. Er forderte eine umfassende Reform der oft vorschnell zugewiesenen und lebenslang anhaftenden Einstufung als "arbeitsunfähig". Notwendig seien weiter Maßnahmen für eine höhere Durchlässigkeit zwischen dem ersten Arbeitsmarkt und den "Werkstätten", in denen Behinderte oft tätig sind, sowie "Lohn statt Taschengeld".
Den Reformbedarf bestätigt auch eine Befragung der Caritas Österreich unter 218 behinderten Beschäftigten in Caritas-Werkstätten bzw. Integrativer Beschäftigung in Firmen. 60 Prozent von ihnen können es sich vorstellen, auf den ersten Arbeitsmarkt zu wechseln bzw. sind einem solchen Wechsel nicht prinzipiell abgeneigt. Besonders junge Betroffene unter 30 Jahren seien offen für einen Wechsel, fasste Barbara Schiller, Leiterin der Fähigkeitsorientierten Aktivitäten für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen der Caritas Oberösterreich, zusammen. Freilich gebe es auch Informationsdefizite und Ängste vor Überforderung: Knapp zwei Drittel der Befragten wüssten nicht, welche Vorteile eine Tätigkeit am ersten Arbeitsmarkt hätte, so Schiller. Sorgen gebe es, etwas kaputt zu machen oder mit dem Arbeitstempo am allgemeinen Arbeitsmarkt nicht zurecht zu kommen. Erfreut zeigte sich die Caritas darüber, dass es in ihren eigenen integrativen Einrichtungen und Werkstätten eine sehr hohe Zufriedenheit der Betreuten gibt.
"Hohes Potenzial" für regulären Arbeitsmarkt
Fazit von Barbara Schiller zur Umfrage: Nicht alle Betroffenen wollen und können in den ersten Arbeitsmarkt wechseln, dennoch gäbe es hier ein "hohes Potenzial". Landau dazu: "Voraussetzung dafür ist ein ausreichendes Angebot an Unterstützung. Und da gilt es, aus den Erfahrungen, die wir in unseren Werkstätten machen, zu lernen." Menschliche Begleitung, ein hilfsbereites Umfeld und die Reduktion von Arbeits- und Zeitdruck seien hier auch die Gründe für die hohe Zufriedenheit von Menschen, die aktuell in Tagesstrukturen arbeiten. "All das bräuchte es auch am regulären Arbeitsmarkt", erklärte der Caritas-Chef. Freilich: "Nicht jeder Wechsel gelingt. Dort, wo es nötig ist, muss eine Rückkehr in geschützte Beschäftigungsverhältnisse möglich sein."
Landau regte die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung bestehender Angebote für betroffene Menschen mit Behinderungen an, notwendig sei auch eine entsprechende Finanzierung durch einen von Bund und Ländern gemeinsam befüllten Inklusionsfonds. Damit müsse bundesweite Deinstitutionalisierung, sozialrechtliche Absicherung, kollektivvertragliche Entlohnung und Persönliche Assistenz sichergestellt werden, so Landau. Ausdrücklich in die Pflicht nahm er die Bundesminister Kocher und Johannes Rauch (Soziales).
"Zeigen können, was in ihnen steckt"
Zu Wort kamen bei der Pressekonferenz auch Interessenvertreterinnen aus Caritas-Einrichtungen. Die bereits pensionierte frühere Kinderheimmitarbeiterin Lisi Klaus sagte, alle Menschen sollten "zeigen können, was in ihnen steckt"; Andreas Knogler, Bewohner einer Caritas-WG in Oberösterreich, möchte mit seinen Kompetenzen am PC "gebraucht werden in einem Büro". Elke Gruber, beschäftigt in Rannersdorf (NÖ.), fühlt sich in der dortigen Caritas-Werkstätte sehr wohl und "will nicht wieder weg".
Folgende Zahlen zu Daten zu Menschen mit Behinderungen in Österreich legte die Caritas noch vor: 10,3 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung hat eine Behinderung, unter den Nichterwerbspersonen liegt deren Anteil bei mehr als 30 Prozent. Die Corona-Pandemie habe die Jobchancen zusätzlich verschlechtert: Rund 23.500 Behinderte sind laut Caritas derzeit sind in Werkstätten und Tagesstrukturen in Österreich beschäftigt; die Höhe ihres "Taschengeldes" variiert in den Bundesländern zwischen 40 und 300 Euro monatlich, was abhängig mache von etwaigen anderen Sozialleistungen auf Landesebene. Defizite gibt es auch bei jenen Betriebe, die verpflichtet wären, Menschen mit Behinderungen einzustellen: 79 Prozent taten dies 2019 nicht bzw. nicht zur Gänze und zahlten stattdessen eine Ausgleichstaxe.
Quelle: kathpress