
Grazer Theaterfestival mit szenischen Lesung von "Marias Zeugnis"
Die Geschichte Jesu, erzählt aus der Perspektive seiner Mutter Maria, ist Teil des am 8. Juni beginnenden internationalen "Dramatiker|innenfestivals" in Graz. Am Donnerstag, 9. Juni, lädt das kirchliche Kulturzentrum bei den Minoriten ("Kultum") zur Erstaufführung der szenischen Lesung "Marias Zeugnis", ein Text, der auf den Roman "Marias Testament" (The Testament of Mary) des irischen Autors Colm Toibin zurückgeht. Die Rückschau der Gottesmutter erfolgt darin nicht in devoter Erinnerung, sondern mit "tausend Gefühlen", wie es in der Ankündigung heißt: Es gehe um "Mutterliebe, Wut, Trotz, Angst, Verzweiflung - und Scham". Die Lesung findet um 21.30 Uhr im "Cubus", dem ursprünglichen Oratorium des Minoritenklosters am Grazer Mariahilferplatz 3 statt.
Inhaltlich steht die unübersichtliche politische und religiöse Situation im Heiligen Land am Beginn unserer Zeitrechnung im Mittelpunkt, als das Christentum als etwas Neues mit transformatorischer Kraft entstand. Als ein anscheinend "patriarchales Erfolgsmodell" habe es sich bis in die letzten Winkel der Erde verbreitet, heißt es auf www.kultum.at. "Doch was wäre, wenn plötzlich die Mutter des am Kreuz geopferten Gottes-Sohnes als Mensch aus Fleisch und Blut vor uns stünde?" Diese Zeitzeugin und "millionenfach auf Bildern abgebildete, von zwei Milliarden Gläubigen verehrte Frau" komme in der Bibel kaum selbst zu Wort. Der irische Schriftsteller Colm Toibin verleiht ihr in seinem Roman eine Stimme, "konstruiert ein fiktionales Marienbild". Dieses bringen Karla Mäder, Daniel Grünauer, Hannah Mey und Beatrix Doderer, musikalisch begleitet von Grilli Pollheimer, als Produktion des Schauspielhauses Graz am 9. Juni zu Gehör.
Toibins 2012 erschienener Roman wurde für den britischen Booker Prize nominiert. Die Mutter Jesu erzählt darin - abseits der überlieferten theologischen Deutung dessen Todes am Kreuz - ihre eigene Version der Passion Christi. Es ist die Geschichte einer Frau, die nicht verstehen will, weshalb ihr Sohn sich von ihr abwandte, und die auch nicht an den christlichen Gott glaubt.
Das sechste "Dramatiker|innenfestival Graz", bei dem die Grazer Theologin Edith Draxl künstlerisch verantwortlich ist, widmet sich aktuellen Brennpunktthemen wie der Klimakrise, den Migrationsbewegungen oder der Rolle der Frauen. Dramatische Literatur könne hörbar, sichtbar und erlebbar machen, "was politisch gerne ignoriert oder gesellschaftlich marginalisiert wird", heißt es auf der Website (www.dramatikerinnenfestival.at).
Quelle: kathpress