
Theologe: Religion und Spiritualität nicht auseinanderdividieren
Gegen scharfe Trennlinien zwischen einer äußerlich reglementierenden Religion und einer innengeleiteten, individuell gestaltbaren Spiritualität hat sich der Religionspädagoge Prof. Anton Bucher gewandt. Im Interview der "Salzburger Nachrichten" (Wochenendausgabe vom 9. Juli) wies der an der Uni Salzburg lehrende Theologe und Präsident der Internationalen Pädagogischen Werktagung darauf hin, dass in den USA "spiritual, but not religious" zum geflügelten Wort geworden sei. Zu Unrecht, denn Spiritualität und Religion seien "aufeinander bezogen und einander überlappende Bereiche", wandte sich Bucher gegen jede "plakative Gegenüberstellung".
Zu bedenken sei, dass Menschen soziale Wesen sind. "Und auch wenn Spiritualität sehr individuell praktiziert wird, fällt mir dazu immer wieder das schöne Wort aus dem niederländischen Katechismus ein: Glauben tun wir letztlich gemeinsam." Das kann laut Bucher in einem kirchlichen Kontext sein, in einer spirituellen Gruppe - "aber ohne einen solchen Austausch ist es kaum möglich, eine religiöse oder spirituelle Überzeugung zu leben". Anlass für das Interview war das jüngst veröffentlichte Buch des gebürtigen Schweizers mit dem Titel "Verbundenheit. Über eines der tiefsten menschlichen Bedürfnisse".
Den Trend weg von institutionalisierten Religionen erklärte Bucher mit der Plausibilitätskrise der kirchlich institutionalisierten Religion: Missbrauch und verschleppte Reformen trügen ebenso zur Entfremdung bei wie Tendenzen zur Ausgrenzung oder fundamentalistisch-gewalttätige Formen von Religion. Eine Rolle spielten auch wissenschaftliche Erkenntnisse über den Nutzen einer spirituellen Lebensweise für die psychische und physische Gesundheit sowie die Tatsache, dass viele Wissenschaftler - von Albert Einstein bis zu jüngeren Quantenphysikern - sehr spirituelle Menschen sind, wie Bucher erinnerte.
"Was jetzt weithin als Spiritualität bezeichnet wird, haben Menschen nicht aus sich heraus erfunden, sondern weitgehend aus etablierten und tradierten kulturellen und religiösen Quellen geschöpft", wies der Theologe hin. Auch Spiritualität werde nicht völlig individuell gelebt. Das Internet sei voll von spirituellen Zirkeln und Gemeinschaften, die Austausch in einer sehr freien Form pflegten - freilich ohne etablierte Instanz, die so wie in den Religionen über die Wahrheitsfrage entscheiden könnte.
Die Esoterik und das Elitäre
Der Esoterik nahestehende Menschen sind nach dem Eindruck Buchers "leider oft auch elitär" und "anderen gegenüber geringschätzend". Das sei jedoch ganz und gar keine spirituelle Haltung: "Ein wirklich spiritueller, mystischer Mensch, wie es z. B. Meister Eckhart war, äußert sich nie abschätzig über andere." Esoteriker würden versuchen, "das, was sie erfahren, zu ergreifen und sich daran hochzuziehen". Meister Eckhart hätte laut Bucher dagegen nie gesagt, der Mensch könne sich selbst hochziehen. "Sondern er wird von etwas Höherem hochgezogen und getragen." Mystische Erfahrung ist laut dem Theologen "eine Einheitserfahrung, eine Verbundenheitserfahrung mit etwas, das größer ist als ich". Dafür sei meist ein langer spiritueller Weg erforderlich.
Vor Weltfremdheit bewahre dabei eine dreifache Verbundenheit, erklärte der Buchautor: die Verbundenheit mit der Natur, mit der sozialen Mitwelt und drittens jene mit etwas Höherem, das in der abendländischen Tradition als das Göttliche benannt werde. "Eine Spiritualität, die diesen Namen verdient, ist weder weltfremd noch schließt sie andere Menschen aus", so Bucher.
(Anton Bucher: "Verbundenheit. Über eines der tiefsten menschlichen Bedürfnisse", 144 Seiten, 23,60 Euro, Waxmann-Verlag, Münster 2022)
Quelle: kathpress