Publizist Nußbaumer: Gorbatschow hat Geschichte geprägt
Als Politiker, der mit "Glasnost" und "Perestroika" die Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts "wie kein anderer" geprägt und verändert hat, hat der katholische Publizist Heinz Nußbaumer den am Dienstag mit 91 Jahren verstorbenen ehemaligen Staats- und Parteichef der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, gewürdigt. Wie kein zweiter Kremlführer habe Gorbatschow in den sieben Jahren seiner Ära (1985-1991) Anerkennung sowie Sympathie und Bewunderung des Westens gefunden, schreibt Nußbaumer in einem Nachruf in der Wochenzeitung "Die Furche" (Ausgabe 1. September).
Frieden erhalten und eine Verbesserung des Lebens der Menschen erreichen, das sei "der letzte große Wunsch" des Friedensnobelpreisträgers von 1990 gewesen, der zuletzt "weitgehend abgeschottet" und in "tragischer Stille" lebte, so Nußbaumer. Gorbatschow, der lange von einem "europäischen Haus gleicher Sicherheit für alle" geträumt habe, habe immer wieder vor der Wiederbelebung der alten Militärblöcke gewarnt, "auch bei Besuchen in Österreich", erinnerte der Publizist.
So sehr er im Westen umjubelt wurde, umso deutlicher sei ihm in der eigenen Heimat eine "Mischung aus Desinteresse, Verhetzung und Verachtung" entgegengeschlagen. Nicht wenige seiner Landsleute sahen in ihm den "Totengräber" der Sowjetunion. Dennoch bleibe Gorbatschow ein "Staatsmann von historischer Dimension". Er habe nicht nur die durch den Eisernen Vorhang erzwungene Zweiteilung der Welt beendet, sondern etwa auch Freiheit für die unterworfenen Völker Osteuropas ermöglicht und den Abbau atomarer Arsenale eingeleitet, erinnerte Nußbaumer.
Unbestritten bleibe freilich, dass sich der Politiker vieles - allem voran die Auflösung der Sowjetunion - so nicht gewünscht habe. Als sein "vielleicht größtes Verdienst" nannte Nußbaumer Gorbatschows Rücktritt am 25. Dezember 1991, der "ohne jeden Gewaltversuch" vonstattengegangen sei. Unvergesslich sei der auf Tonband erhaltene Anruf Gorbatschows bei US-Präsident Bush, in dem er den "lieben Freund" von seinem Rücktritt informierte und diesem einen ruhigen Weihnachtsabend wünschte.
Das Schicksal habe Nußbaumer mehrere Begegnungen mit dem "Weltveränderer" Gorbatschow ermöglicht. Obwohl es durchaus zu Meinungsverschiedenheiten kam, habe sich Gorbatschow im Nachgang eines Treffens schriftlich "für die Freundschaft und das tiefe Verständnis meiner Absichten und meines Dramas" bedankt, erinnerte sich der Publizist. Er habe Bewunderung für "eine politische Ausnahmegestalt, der es aufgetragen war, von Niederlage zu Niederlage zu marschieren - und vor der Geschichte doch siegreich zu bleiben".
Gorbatschow war "ein Führer, der sein Land und seine Macht verloren geben musste, aber die Welt verändert hat. Letztlich zum Besseren", so Nußbaumer. Mit dem Staatsmann sei auch die "letzte lebendige Erinnerung an eine Vision von einer europäischen Sicherheitszone gestorben", die "von Vancouver bis Wladiwostok" reichen sollte. "Sie sollte nicht verloren gehen", so Nußbaumers abschließender Appell.
Quelle: Kathpress
