
Glettler für "humane und nicht bloß technische Online-Kompetenz"
Für den Erwerb einer "humanen und nicht bloß technischen Online- Kompetenz" hat sich der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler ausgesprochen. Wie er im Interview der Wochenzeitung "Die Furche" (22. Dezember) - und davor in einem neuen Buch "Dein Herz ist gefragt" - ausführte, leben wir derzeit in einer "nervösen Zeit", geprägt von "hoher Gereiztheit und Empörungsbereitschaft". Mit dem Zuviel an Informationen, Bildern und Reizen umzugehen sei eine wichtige Lernaufgabe, so Glettler. Ebenso wichtig sei es, "dass wir gewaltfreier miteinander kommunizieren". Denn Hass, Mobbing und Rufmorde im Netz "vermehren sich epidemisch". Der Bischof verwies auf den deutschen Blogger Sascha Lobo, der eine "digitale Herzensbildung" fordert.
Die zu beobachtende Verunsicherung und Unruhe in der Gesellschaft führe einerseits zu einem gefährlichen "Aufblähen von Problemen", andererseits zum "Wegschauen, das in eine ebenso gefährliche Gleichgültigkeit münden kann". Glettler bezeichnete die Meinung als irrig, "dass wir mit einer kleinen Korrektur unseres Lifestyles schon alles wieder in den Griff bekämen". Demgegenüber plädierte er für einen "Weg der Zuversicht, der zwischen Panikmache und Verharmlosung hindurchführt". Dramatisierungen im Sinne von "Es ist bereits fünf nach zwölf" würden lähmend wirken.
Als ein Krankheitssymptom unserer Zeit bewertete der Bischof auch die problematische Tendenz in der Corona-Leugner-Szene, Freiheit als Schlagwort zu missbrauchen, "um abstruse Thesen zu vertreten". Deren Vertreter würden sich allzu leicht "in einen Kokon festgezurrter Behauptungen abschließen oder in Kommunikationsblasen flüchten". In seinem Buch werbe er für eine Herz-Spiritualität jenseits von Gefühlsduselei. Dazu gebe es gerade in Tirol eine lange Frömmigkeitstradition, mit der - wie bei Max Weilers Freskenzyklus auf der Hungerburg bei Innsbruck - tiefe Mystik mit dem Hinweis auf soziales Engagement verbunden werde, wie Glettler erklärte.
Die Herz-Jesu-Mystik in Tirol sei nicht ohne "Kitschschicht" gepflegt worden, gestand der Bischof zu. Dazu erinnerte er an eine Aussage seines Vorgängers Reinhold Stecher, wonach eine "alltäglich gelebte Herzlichkeit die schönste Form der Herz-Jesu-Verehrung" sei.
Kirche braucht "Pluralitätsfitness"
Zum Thema Synodaler Prozess sagte Glettler, Papst Franziskus habe damit ein anspruchsvolles Programm vorgegeben. Dieser breite weltkirchliche Vorgang werde gelingen, "wenn wir nicht mit Schlagworten oder festgefahrenen Positionen aufeinander losgehen". Die Kirche brauche eine "Pluralitätsfitness", sagte Glettler: "Ich plädiere für eine herzhafte Zweigleisigkeit, um an klassischen Reformthemen dranzubleiben und zugleich ebenso entschlossen in der Welt von heute die Frage nach Gott offenzuhalten."
Klar sei, "dass wir noch wesentlich mehr Laien, vor allem auch Frauen, in Führungspositionen bringen müssen, wo immer dies in der aktuellen Kirchenverfassung möglich ist". Kirchenreform bedeute aber nicht, "mit uns selbst beschäftigt zu bleiben", betonte der Bischof. "Wir haben den Auftrag, den Menschen das Frischwasser des Glaubens anzubieten. Gerade jetzt ist Seelsorge aufgrund der anhaltenden Belastungen enorm wichtig. Wir können füreinander Durst-Stiller sein!"
Quelle: kathpress