
Benedikt XVI. und Österreich: Fast eine kleine "Liebesgeschichte"
Die Verbindungen, die Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. und Österreich unterhalten hatte, waren so vielfältig und innig, dass sie trotz einiger Irritationen fast an eine Art "Liebesgeschichte" erinnern. So war es Benedikt XVI. selbst, der in einem Brief an die Österreicherinnen und Österreicher vor seinem großen Besuch im September 2007 formulierte: "Ich liebe dieses Land, das mir seit meiner Kindheit nahe ist - seit den sonntäglichen Wanderungen, die wir zu Beginn der 30er-Jahre über die Salzach-Brücke mit unserer Mutter nach Ostermiething, nach Sankt Radegund und an andere Orte auf der österreichischen Seite der Salzach gemacht haben."
Unvergessen auch die Äußerung Benedikts XVI. bei einem Interview mit deutschen Journalisten im Jahr 2006, als er sagte: "Es hat mir so gut gefallen dort, dass ich gesagt habe: Ja, zur Magna Mater Austriae komme ich wieder. Und das war natürlich sofort eine Zusage, die ich auch einhalten werde und gern einhalte." Er hielt sie ein - und stattete Österreich aus Anlass des 850-Jahr-Jubiläums von Mariazell vom 7. bis 9. September 2007 einen Besuch ab.
"Auf Christus schauen"
Tatsächlich war es der Marienwallfahrtsort Mariazell im Herzen der Steiermark, der es Joseph Ratzinger seit seinem ersten Besuch dort im Jahr 2004 besonders angetan hatte. Anlass des damaligen Besuchs war eine Wallfahrt der europäischen Notare, die Joseph Ratzinger - damals noch in der Funktion des Präfekten der Glaubenskongregation - begleitete. Augenzeugen berichten, dass diese erste Mariazell-Wallfahrt "etwas im Innersten des Papstes berührt" haben dürfte und ihn auch das Gnadenbild so beeindruckte, dass er fortan vor einer Nachbildung der Statue in der vatikanischen Hauskapelle betete.
Als Benedikt XVI. schließlich am 8. September 2007 nach Mariazell zurückkehrte, verharrte er abermals in stillem Gebet vor der Gnadenstatue. Trotz strömenden Regens waren Zehntausende zum zentralen Gottesdienst vor der Basilika gekommen, um - wie das Motto des Besuchs lautete - "auf Christus zu schauen", auf den Maria im Mariazeller Gnadenbild weist. Er habe erlebt, "dass Katholiken wetterfest sind", merkte Benedikt XVI. dazu schmunzelnd an, als ihm 2009 die Mariazeller Ehrenbürgerschaft mit den Worten "Heiliger Vater, ab heute sind Sie ein 'Mariazeller'!" verliehen wurde.
Wegweisende Worte bei Papstbesuch
Auch Wien war neben Mariazell der zentrale Schauplatz für den Besuch von Benedikt XVI. 2007 in Österreich. Bis heute aktuell sind jene Worte, die Benedikt XVI. in der Hofburg über das "Haus Europa" und seine christlichen Wurzeln fand. Bei der Messe im Stephansdom rückte Benedikt XVI. die Bedeutung des Sonntags als arbeitsfreien Tag für den Gottesdienst in das Zentrum seiner Predigt. Die Begegnung mit Ehrenamtlichen im Wiener Konzerthaus unterstrichen, wie sehr es beim Aufbau einer "Zivilisation der Liebe" auf das Engagement von Freiwilligen und ihrer Organisationen ankommt.
Der Besuch im Zisterzienserstift Heiligenkreuz mit seiner Philosophisch-Theologischen Hochschule war - wie der gesamte Österreich-Besuch - ein "Heimspiel" für Benedikt XVI.: Wo eine "kniende Theologie" im Sinne von Hans Urs von Balthasar getrieben wird, da werde es an Fruchtbarkeit für die Kirche nicht fehlen, riet der Papst damals den Mönchen, die bald danach ihre Hochschule nach Benedikt XVI. benannten und sich bis heute über mangelnden Nachwuchs nicht beklagen können.
Persönliche Freundschaften und Irritationen
Auch Urlaube und daraus erwachsene persönliche Freundschaften verbanden Joseph Ratzinger mit Österreich. So etwa eine Freundschaft zum früheren Rektor des Salzburger Bildungshauses St. Virgil, Hans Walter Vavrovsky, oder zum früheren Gurker Bischof Egon Kapellari, der Ratzinger mehrfach nach Kärnten einlud. 2007 konnte Kapellari dann als inzwischen steirischer Bischof und Gastgeber Benedikt XVI. in Mariazell willkommen heißen.
Und schließlich war da die von großer Wertschätzung getragene Verbundenheit mit Kardinal Christoph Schönborn, der so wie Joseph Ratzinger eine Professur für dogmatische Theologie innehatte. Spätestens aus der Zeit, wo der in Fribourg lehrende Schönborn als Redaktionssekretär für den Weltkatechismus eng mit dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation zusammenarbeitete, bestand zwischen beiden ein vertrauensvoller, freundschaftlicher Kontakt.
Freilich, ungetrübt war das Verhältnis des Theologen, Glaubenspräfekten und Pontifex zu Österreich nicht. Die theologische und dann kirchenpolitische Konfliktgeschichte Ratzingers mit seiner deutschen Heimat färbte auf die Kirche in Österreich ab. So gab und gibt es auch hierzulande unter Theologen und im kirchlichen Aktivsegment ein deklariertes Pro- und Contra-Lager zum verstorbenen Papst. Nirgendwo sonst wie in Deutschland bzw. im gesamten deutschsprachigen Raum wurde jedes seiner Worte so genau unter die Lupe genommen. Und nicht selten fühlte sich Benedikt XVI. gerade deswegen so unverstanden.
Mit Kardinal Schönborn und Bischof Kapellari, der langjährigen Doppelspitze in der heimischen Bischofskonferenz, und anderen Bischöfen gaben die "Ratzinger-Versteher" im österreichischen Episkopat lange Zeit den Ton an. Zu ernsthaften Irritationen zwischen den österreichischen Bischöfen und Papst Benedikt kam es aber 2009 im Zuge der erfolgten und dann wieder rückgängig gemachten Ernennung von Gerhard Maria Wagner zum Linzer Weihbischof.
Gesprächsbedarf gab es auch im Zusammenhang mit dem "Aufruf zum Ungehorsam" durch die österreichische "Pfarrerinitiative", den Papst Benedikt zur Überraschung vieler im Rahmen der Chrisammesse am Gründonnerstag 2012 thematisierte. Es ist allen Beteiligten im Vatikan und in Österreich hoch anzurechnen, dass man im Gespräch blieb. Die einzig sichtbare "Sanktion" bestand darin, dass Helmut Schüller, dem Frontmann der "Pfarrerinitiative", der Ehrentitel "Monsignore" (zu Deutsch "Kaplan Seiner Heiligkeit") vom Vatikan wieder entzogen wurde. So weit, so österreichisch.
Wer versucht, sich möglichst unvoreingenommen ein Bild vom jetzt heimgegangenen emeritierten Papst zu machen, wird eine facettenreiche und inspirierende Person entdecken. Und wer sich mit ihm näher auseinandersetzen will, der sei an ein Wort Benedikts XVI. im Vorwort zum ersten Band seiner theologischen Jesus von Nazareth-Trilogie erinnert, wo dieser schreibt: "Es steht daher jedermann frei, mir zu widersprechen. Ich bitte die Leserinnen und Leser nur um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt."
Quelle: kathpress