
Zulehner: Benedikt war ein "Papst im Widerspruch"
Auf bleibende Verdienste wie auch auf Widersprüche in der Amtszeit von Benedikt XVI. hat der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner im Nachruf auf den verstorbenen emeritierten Papst hingewiesen. Das "Trauma" der Revolution von 1968 habe aus dem glühenden Konzilstheologen Joseph Ratzinger einen Kardinal und Papst gemacht, der gegenüber den aus der Kirchenreform hervorgehenden Entwicklungen sowie der modernen Welt eher kritisch und pessimistisch eingestellt gewesen sei, befand Zulehner in einer Stellungnahme gegenüber Kathpress. Auch im Kontakt zu anderen Konfessionen und Religionen gebe es "Widersprüchlichkeit", wiewohl Benedikt XVI. aber mit seinem "mutigen" Rücktritt 2013 Neuland betreten und in die Geschichte eingegangen sei.
"Benedikt bremste - wie schon Johannes Paul II. - wo er konnte, den Schwung des Konzils ab. Papst Franziskus konnte sich daher vornehmen, den Konzilsreformen neuen Schwung zu verleihen", sagte Zulehner. Auffällig sei dabei, dass Ratzinger zuvor am Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) theologischer Berater vom Kölner Kardinal Frings gewesen war und die von ihm verfassten Reden Frings dazu beigetragen hätten, "dass das Konzil nicht das Erste Vatikanum zu Ende führte, sondern mit Blick auf die Welt von heute einen neuen Weg einschlug". Schon zuvor sei Ratzingers "Einführung in das Christentum" oder seine visionäre "Schrift über die christliche Brüderlichkeit" von Theologiestudierenden weltweit - auch von Zulehner selbst - mit Begeisterung gelesen.
Dass Ratzinger bei der Papstwahl 2005 zum Zug kam, gehe wohl auf seine Konklaverede gegen den Relativismus und somit gegen eine Auffassung der "Unmöglichkeit, eine Wahrheit verlässlich zu erkennen" zurück, vermutete Zulehner. Benedikt XVI. habe danach u.a. die Exkommunikation der dem Konzil kritisch gegenüberstehenden Piusbruderschaft zurückgenommen und sich auch in der Ökumene "nicht nur Freunde gemacht": Bei den Juden mit der Wiedereinführung der alten Karfreitagsbitte, bei den Protestanten durch Verweigerung deren Ehrentitels "Kirche" oder bei den Muslimen durch die Regensburger Rede 2006. Insgesamt zeugten derartige Schritte von einer eher ängstlichen Grundhaltung und einer mitunter fehlenden Menschenkenntnis Ratzingers, so Zulehner.
Bleibende theologische Leistungen
Auch an die Zuschreibung als "Panzerkardinal" für Ratzinger in dessen Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation erinnerte Zulehner. Seine einstige Offenheit habe der Verstorbene zunehmend einer "linientreuen Kirchenpolitik" geopfert, sichtbar etwa in der Frage des Priestermangels: Noch 1970 habe er mit Karl Rahner und Karl Lehmann ein Memorandum zur Öffnung des Zölibats unterzeichnet und selbst 2000 noch in einer "visionären" Rundfunkansprache die Zukunft der Kirche als Freiwilligkeitsgemeinschaft gesehen, die auf Entscheidung und Initiative der einzelnen Glieder beruhe, dabei "gewiss neue Formen des Amtes" kenne und neben weiterhin "unentbehrlichen" hauptamtlichen Priestern auch in anderen Berufen "bewährte Christen" zu weihen werde. Solche "reformerischen Positionen" habe Benedikt als Papst nicht mehr vertreten.
Dennoch verbuchte der Wiener Theologe auch "bleibende Leistungen" des "Theologen auf dem Papstthron" - wie etwa, dass Benedikt XVI. schon als Präfekt der Glaubenskongregation einen "strengen Umgang mit dem Missbrauch" vorgesehen habe. Weiters würden von ihm "berührende theologische und spirituelle Texte bleiben". Hier nannte Zulehner beispielhaft den Vortrag beim Weltjugendtag in Köln 2005 über Eucharistie, seine Bemerkung bei der Ankunft in Bayern 2006, die Menschen seien im Lärm der Welt "gotttaub" geworden und könnten "die leise Musik Gottes" nicht mehr hören, oder auch seine drei großen Enzykliken zu den göttlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung: In diesen habe sich Benedikt XVI. dem genähert, "den er wie Karl Rahner das unauslotbare Geheimnis nannte, dem er sich mit Herz und Verstand annäherte und übereignete, und in dessen leise Musik er nunmehr bleibend eingetaucht ist".
Quelle: kathpress