
Was die Christen der Initiative "Die Kirche(n) im Dorf lassen" bewegt
Die Räumung des nordrhein-westfälischen Dorfes Lützeraths aufgrund des Braunkohleabbaus durch den Konzern RWE ging kürzlich durch alle Medien. An den Protesten war mit "Die Kirche(n) im Dorf lassen" auch eine christliche Initiative beteiligt. In der aktuellen Ausgabe des Kirchenpodcasts "Wer glaubt, wird selig" spricht deren Vertreter Anselm Meyer-Antz über die Gründung der Initiative und erklärt, wie die Lage in Lützerath aus seiner Sicht derart eskalieren konnte.
Am Braunkohletagebau Garzweiler im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen hatten Mitte Jänner Tausende Menschen gegen die Räumung und den Abriss des Dorfes Lützerath protestiert. Neben prominenten Klimaaktivistinnen wie Greta Thunberg waren auch zahlreiche Christinnen und Christen dabei. Nach Angaben der Polizei haben rund 15.000 Menschen demonstriert, nach Schätzungen der Veranstalter mindestens 35 000. Am Rande gab es auf beiden Seiten Verletzte. Polizei und Demonstrierende warfen sich gegenseitig gewaltsame Übergriffe vor.
Das von Klimaaktivisten besetzte Dorf, das zur Diözese Aachen gehört, liegt direkt an der Abbruchkante des Braunkohletagebaus Garzweiler und soll diesem weichen. Der Energiekonzern RWE und die NRW-Landesregierung hatten sich darauf geeinigt, die Braunkohleverstromung 2030 und nicht erst 2038 zu beenden. Zudem sollen fünf andere Dörfer im rheinischen Revier erhalten bleiben und nur Lützerath den Kohlebaggern weichen.
Was er dort erlebt habe, sei sehr eindrücklich und bedrückend gewesen, so Meyer-Antz. Das Vorgehen der Exekutive kritisierte er im Podcast scharf: "Ich habe zum ersten Mal seit den 70er-Jahren Erfahrungen mit Polizeigewalt gemacht. Die ging in diesem Fall eindeutig vom Staat aus." Die Polizeibeamten seien in die Menge gestürzt und hätten versucht, den Menschen von "Die Kirche(n) im Dorf lassen" ihr Prozessionskreuz abzunehmen. "Das ist ihnen nicht gelungen, aber ich bin mit meinen 62 Jahren in hohem Bogen durch die Luft geflogen. Das waren sehr unschöne und gewalttätige Szenen", so Meyer-Antz. Gott sei Dank habe es nicht viele Verletzte gegeben.
Dass die Situation in Lützerath so außer Kontrolle geraten konnte, erklärte Meyer-Antz u.a. mit der rechtlichen Grundlage, auf welcher die Genehmigung zum Abbau und der Räumung des Dorfes fuße. Die Gesetze hierzu entstammen noch aus der Zeit des Nationalsozialismus. "Die Mechanismen des Ausgleichs in einer Gesellschaft greifen hier nicht." Zudem sei RWE immer sehr geschickt beim Finden von Alliierten gewesen. So seien SPD und CDU auf ein gutes Verhältnis zu dem Konzern angewiesen.
Die Menschen in der Region fühlten sich als Opfer und könnten nichts dagegen unternehmen, dass ihnen Haus und Hof weggenommen wurde. Die Menschen hätten das Gefühl, dass hier Unrecht herrsche.
Hinzu kämen junge Menschen, die die Region für sich entdeckt hätten, um ihre Zukunft neu zu erfinden. Es sei ein Fehler der deutschen Politik und insbesondere der Grünen gewesen, zu glauben, dass sie das in einem politischen Deal wegschieben könnten. "Man kann den Menschen nicht den Raum, in dem sie ihre Zukunft - die aus wissenschaftlicher Sicht durchaus bedroht ist - neu erfinden, wegnehmen und sagen: 'Das ist der Anspruch eines Konzerns.'" Genau das sei aber geschehen. Kritik übte Meyer-Antz im Podcast auch an den Medien. Vor allem rechtsgerichtete Medien würden Schlagzeilen produzieren, die oft nicht stimmen.
"Die Kirche(n) im Dorf lassen"
Die Gründung von "Die Kirche(n) im Dorf lassen" geht auf eine Anwohnerinitiative in Keyenberg, einem Ort in der Nähe von Lützerath, zurück. Dort gebe es einen 1.300 Jahre alten Kirchplatz und eine über 100 Jahre alte neogotische Kirche, erklärte Anselm Meyer-Antz. Diese Kirche war immer mit einem für das Rheinland besonders ausgeprägten Gemeindeleben verbunden. Diese Kirche sollte abgerissen werden.
Dass die Kirche verschwinden sollte, trieb die Menschen auf die Barrikaden, und zwar auch jene, die grundsätzlich mit der Umsiedlung einverstanden gewesen seien. Eine Unterschriftenliste wurde gestartet für den Erhalt der Kirche. "Der Abriss scheint nun aus der Welt, die Kirche wurde zwar an RWE übergeben, aber der Ort wird nicht abgebaggert." Unterstützung erhalte "Die Kirche(n) im Dorf lassen" auch sehr stark von der evangelischen Kirche.
Der von der ökumenischen Radioagentur Studio Omega produzierte Religionspodcast "Wer glaubt, wird selig" ist auf der Website der katholischen Kirche in Österreich (www.katholisch.at), auf www.studio-omega.at, auf https://studio-omega-der-podcast.simplecast.com sowie auf iTunes, allen Smartphone-Apps für Podcasts und auf Spotify abrufbar.
Quelle: kathpress