
Desaströse medizinische Situation in Aleppo nach dem Beben
Ein "menschliches, gesellschaftliches und auch gesundheitliches Drama" eignet sich derzeit im vom Erdbeben stark getroffenen Aleppo: Die Obdachlosigkeit durch den Verlust der Wohnungen von 1,5 Millionen Menschen allein in der nordwestsyrischen Großstadt sorgt in Kombination mit der anhaltenden Kältewelle für extreme Notlagen, wie der Spitalsdirektor Emile Ketty gegenüber Radio Vatikan (Dienstag) berichtete. Mehr Hilfe und ein rasches Ende der Sanktionen gegen Syrien seien zu einer Verbesserung der Situation unbedingt erforderlich.
Das von Ketty geleitete Spital Al Arjaa liegt im neueren Teil von Aleppo und wurde bei der Katastrophe nur wenig beschädigt. Dennoch sei die Not unter den Patienten groß. Viele Kinder kämen in die Notaufnahme, wobei es dann oft gar nicht mehr um die durch das Beben entstandenen Verletzungen gehe: Vielmehr seien Atemprobleme besonders unter Kleinkindern weit verbreitet, da die meisten Notunterkünfte nicht beheizt sind und Infektionen aufgrund der eisigen Kälte und der Mangelernährung ein leichtes Spiel haben. Dringend benötigt würden Medikamente und Material für Not-OPs, zudem für die Kinder Milch und Heizmöglichkeiten wie Matratzen, Decken und Wärmestrahler, so der Mediziner.
Auch wenn es in Aleppo selbst wie auch von Ländern wie Algerien, Libanon, Iran und Armenien viel Solidarität gebe, würden die Syrien-Sanktionen die internationale Hilfe darüber hinaus erheblich behindern, klagte Ketty. "Das Epizentrum des Bebens war in der Türkei, aber wir sind nur 70 Kilometer Luftlinie vom Epizentrum in Antiochien entfernt. Die Welt hat Schiffe und Flugzeuge in die Türkei geschickt - das ist auch richtig so. Aber die Opfer, die unter den Trümmern in Syrien ein paar Kilometer weiter liegen, sollen die aufgrund der Sanktionen sterben? Ist das menschlich? Ist das moralisch?" Es dürfe bei der Hilfe kein Ungleichgewicht zwischen der Türkei und Syrien und auch keine "Opfer erster und zweiter Klasse" geben, mahnte der Mediziner.
Viele Amputationen nötig
Von dramatischen Szenen berichtet auch die Hilfsorganisation Handicap International (HI). Im Norden Syriens seien nach dem Erdbeben die wenigen Krankenhäuser und Reha-Zentren völlig überfüllt. Tausende Verletzte warteten auf Straßen und in Fluren und Autos liegend auf Behandlung, teilte die Organisation in München mit. Die Menschen litten an schlimmen Quetschungen, zerschmetterten Gliedmaßen, Knochenbrüchen oder Kopf- und Wirbelsäulenverletzungen. Vielen müssten Beine oder Arme amputiert werden.
Die Hilfsorganisation berief sich auf Angaben des Leiters eines syrischen Krankenhauses für Orthopädie nahe der türkischen Grenze. Alle Verletzten bräuchten eine langfristige Unterstützung, um ohne Beeinträchtigungen oder Behinderungen leben zu können, sagte der Experte. Beispiel dafür sei das Schicksal eines 13-jährigen Mädchens, dem das Bein amputiert werden musste, nachdem es 20 Stunden lang in den Trümmern eingeschlossen war. Da das Mädchen unter einer nicht zu bewegenden Wand feststeckte, habe ihm das Bein an Ort und Stelle amputiert werden müssen.
Nach Angaben der Hilfsorganisation kommt noch dazu, dass die Rettungsteams nicht genug Ausrüstung oder Personal hätten, um alle zu retten. So fehle es in den Krankenhäusern an Dingen wie Matratzen, Lebensmitteln, Blutbeuteln und Operationsbesteck. Viele der Betroffenen stünden unter Schock. Handicap International ist nach eigenen Angaben derzeit mit 200 Einsatzkräften im Norden Syriens tätig.
Päpstliche Missionswerke helfen Erdbeben-Opfern
Die Nationaldirektionen der Päpstlichen Missionswerke haben nach den verheerenden Erdbeben in der Türkei und Syrien eine Notruf-Spendenaktion gestartet. Wie der römische Nachrichtendienst "Fides" am Dienstag mitteilte, wird Erzbischof Emilio Nappa, der Präsident der Missionswerke, selbst die materiellen Zuwendungen koordinieren und sich dabei mit den jeweiligen Nationaldirektoren in Syrien und der Türkei abstimmen. Diese seien mit den Bedürfnissen und Dringlichkeiten der lokalen Kirchen am besten vertraut.
"Die Situation in Aleppo ist heute katastrophal, wir sind von Chaos und Verwüstung umgeben", erklärt der Priester Mounir Saccal, Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Syrien und zugleich Generalvikar der syrisch-katholischen Kirche in Aleppo, in einer Mitteilung der spanischen Missionswerke. Er bat um Hilfe, "damit unsere Gläubigen, die geblieben sind, auch weiterhin hier bleiben, um die Wiege des Christentums zu bewahren."
Bereits in der Vorwoche unmittelbar nach dem Beben hatte die Nationaldirektion von "Missio Österreich" zur Erdbeben-Hilfe aufgerufen. Wie es hieß, sei das päpstliche Hilfswerk mit verschiedenen Projektpartnern vor Ort in Kontakt, etwa mit dem österreichischen Missionar P. Gerry Baumgartner, der seit einigen Jahren in Homs in Syrien wirkt und nun in der Millionenstadt Aleppo die Hilfsmaßnahmen begleitet.
Salesianer beherbergen 500 Menschen
Unterstützung aus Österreich für die Nothilfe Aleppo kommt auch von der katholischen Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos, die seit 1948 in Syrien tätig sind und in der Stadt eine Niederlassung haben. 500 Menschen fänden dort derzeit Zuflucht und bekämen Essen, warme Kleidung und einen Schlafplatz, hieß es in einer Aussendung der Don Bosco Mission Austria vom Dienstag. Geschäftsführer Bruder Günter Mayer zufolge wird auch medizinische und psychologische Unterstützung geleistet. Hilfsgüter seien bisher aus den Salesianer-Einrichtungen in der Hauptstadt Damaskus gekommen. "Obwohl die Menschen dort selber nicht viel haben, ist die Solidarität groß", berichtete Mayer.
Der Projektpartner vor Ort in Aleppo ist der Salesianerpriester Pier Jabloyan. Die Herausforderungen seien "riesig", besonders der eisig kalte Winter mache den in Freien ausharrenden Menschen zu schaffen, sagte der Ordensmann. Gleich nach dem Beben hätten die Salesianer daher ihre Türen geöffnet und die wohnungslos gewordenen Menschen aufgenommen. Spenden würden für die weitere Versorgung dringend benötigt.
(Spendenkonto Don Bosco Mission Austria: IBAN AT33 6000 0000 9001 3423, oder online unter: www.donboscomissionaustria.at; Spendenkonto Päpstliche Missionswerke: AT96 6000 0000 0701 5500, oder: www.missio.at/erdbebenhilfe)
Quelle: kathpress