
Theologe Sedmak: "Die Kirche wird in Richtung Sekte gedrängt"
Die Kirche soll sich auf Themen, wie Menschenwürde, Gemeinwohl oder Bewahrung der Schöpfung konzentrieren, um ihre eigene Sekten-Werdung zu verhindern. - Davon zeigt sich der Theologe und Philosoph Clemens Sedmak im Interview mit den "Oberösterreichische Nachrichten" (Mittwoch) überzeugt. Es gehe nicht darum, die Kirche besser zu vermarkten, da sie der Wahrheit dienen müsse und nicht der Attraktivität, sondern den Menschen zuzuhören und deren Lebensrealität ernst zu nehmen, betonte der Professor für Sozialethik an der University of Notre Dame (USA). Die wachsende Kluft zwischen Kirche und Gesellschaft gebe ihm zu denken, denn wo Themen wie Menschenwürde vereinen, würde das Thema Abtreibung spalten. Die Kirche werde religionssoziologisch gesehen in Richtung "Sekte" gedrängt".
Abtreibung gelte nach der Lehre der Kirche als "ein intrinsisches Übel, ein in sich schlechter Akt", erläuterte der Salzburger Theologe. Dem gegenüber stünden Gesellschaften, die den Schwangerschaftsabbruch als Menschenrecht sehen. "Recht viel größer könnte die Kluft gar nicht sein", meinte Sedmak zu den unterschiedlichen Sichtweisen von Kirche und Gesellschaft. Für die einen sei es ein Zellhaufen, für die anderen "beseeltes Leben".
Als Hoffnungsträger nannte der Philosoph Papst Franziskus, der immer wieder Wege finde, "die Relevanz der Kirche zu vermitteln, gerade auch im Umgang mit den Schwächsten und dem Umgang mit der Schöpfung". Sedmak hielt am Dienstag an der Katholischen Privatuniversität in Linz einen Vortrag, bei dem er für mehr Verständnis dafür, was "auf dem Spiel steht" warb.
Eine Warnung sprach Sedmak in Richtung Kirche beim Thema Sexualität aus: "Hier ist institutionelle Demut gefragt", da die Kirche durch die Missbrauchsskandale viel Glaubwürdigkeit verspielt habe.
Kluft zwischen Lehre und Gesellschaft
Religiöse Traditionen würden davon leben, "dass sie Menschen einen Sinn für das Gewicht des Lebens vermitteln", wobei es sich lohne zwischen persönlichem religiösen Glauben, religiösen Traditionen und Institutionen zu unterscheiden. Institutionen wie die Kirche hätten gesellschaftlich jedoch den schwersten Stand, da sich zwischen dem, "was für die Gesellschaft selbstverständlich scheint, und der Lehre der Kirche eine Kluft auftut". Ein Beispiel dafür sei etwa Homosexualität, die nach der offiziellen Lehre der Kirche als nicht akzeptabel gelte, anders als in weiten Teilen der Gesellschaft. Positiv könnten wiederum die kirchlichen Impulse beim Thema Menschenwürde ankommen. "Die jüdisch-christliche Idee, dass jeder Mensch Würde hat, weil er nach Gottes Ebenbild geschaffen wurde, ist zu schön, um sie einer säkularen Gesellschaft vorzuenthalten", so Sedmak.
Zum Thema Religionsunterricht meinte der Theologe, dass es Wissen und Auseinandersetzung um Fragen des Religiösen und Ethischen brauche. Man dürfe den Jungen aber "nicht eine Position hinknallen, sondern muss sie in den Diskurs einführen." Egal, ob sich Schülerinnen und Schülern für den Ethik- oder Religionsunterricht entscheiden, brauche es eine Form von "Orientierungsunterricht". Letztlich gehe es "in unserer Zeit mit ihrer pluralen Gesellschaft um ein Verständnis, was für religiöse Menschen auf dem Spiel steht".
Die Gefahr bestehe darin, dass viele Menschen nicht mit Mehrdeutigkeiten zurechtkommen würden. Dies zeige sich sowohl in der Kirche als auch in der Politik. Als Beispiel nannte er etwa Konfliktlinien im Zuge des Synodalen Wegs in Deutschland. Hier habe man als Kirche gelernt, "dass sich Konflikte verschärfen, wenn man Themen in einer bestimmten Weise anspricht". Schweigen sei zwar keine Alternative, jedoch müsse sich die Kirche entscheiden, ob sie Konflikte auf der Bühne oder intern austragen wolle. "Wenn sich die Kirche als streitender Haufen zeigt, muss man an sich arbeiten." Außerdem dürfe die Kirche nicht den Eindruck erwecken, dass sie sich ständig mit sich selbst beschäftige, so Sedmaks Fazit.
Quelle: kathpress