
Tirol: Kirchenzeitung fragt nach Zweckmäßigkeit von Klimaprotesten
Hilft es, sich an die Straße zu kleben, um auf die dramatischen Folgen der Klimakrise aufmerksam zu machen? Dieser Frage geht der "Tiroler Sonntag" in seiner aktuellen Ausgabe nach. Dazu hat das Medium jeweils eine Befürworterin und einen Gegner des aktivistischen Klimaprotestes, wie ihn etwa die "Letzte Generation" praktiziert, zu Wort kommen lassen.
"Die Klimaaktivisten wollen die Menschen mit ihren Aktionen aus dem Trott des Alltags reißen", ist die Sozialarbeiterin Lisa Kunwald überzeugt. Sie unterstützt die Aktionen der "Letzten Generation", auch wenn sie sich bewusst ist, dass viele Menschen die Aktivisten "als ungut und lästig" empfänden. Für sie beinhalte der Name aber eine positive Botschaft: "Wir sind die 'letzte Generation', die diese Zerstörung durch den Klimawandel noch aufhalten oder zumindest abschwächen kann. Wir können den Lebensraum der Menschheit noch retten."
Die jungen Leute klebten sich nicht auf die Straße, weil sie aufgeben. "Nicht weil sie denken, sie wären die letzte Generation der Menschheit. Sonst würden sie sich wohl auf die Straße setzen, um sich überfahren zu lassen." In ihrem Bestreben aufrütteln zu wollen, "müssen sie wohl ein großes Maß an Nächstenliebe in sich tragen, wenn sie sich mit solchem Aufwand und persönlichem Risiko für die Menschheit einsetzen", ist Kunwald überzeugt.
Letztlich versuchten sie Menschenleben zu retten. Das Klima störe es nicht, wenn es wärmer werde, ebenso wenig die Ozeane, wenn der Meeresspiegel steigt. Den Regen störe es nicht, wenn er monate- oder jahrelang ausbleibt. "Aber viele Menschen sterben daran, an Hunger, an Seuchen, an Waldbränden, an Muren aufgrund von Starkregen", so Kunwald.
Gesellschaft hat Problem erkannt
Die Klimakrise habe in den letzten Jahren immer deutlicher vor Augen geführt, dass die Menschheit ihren Weg so nicht weitergehen kann und auf erneuerbare Energien umsteigen muss, ist auch der Religionslehrer Stefan Waldner überzeugt. Der Innsbrucker denkt, dass Politik und Gesellschaft das Problem erkannt hätten und man sich bereits in "einem riesigen Transformationsprozess" befinde - auch wenn das Teilen der Gesellschaft nicht schnell genug gehe.
Freie Meinungsäußerung und Protest seien wichtige Bausteine der Demokratie, das trifft auch insbesondere für die Jugend zu, so der Religionspädagoge. "Aus diesem Grund habe ich Verständnis für die Proteste der 'Letzten Generation', aber ich finde sie trotzdem nicht hilfreich." Vielmehr würden die Proteste die Gesellschaft nach den "schwierigen Corona-Jahren" noch mehr spalten, ist der Lehrer überzeugt.
Für eine erfolgreiche Energiewende brauche es Geduld und Entschlossenheit und noch mehr technologische Ansätze und innovatives Denken. "Blockade und Schwarzmalerei helfen uns wohl nicht wirklich. Die Welt wird sich auch in fünf Jahren noch drehen", so Waldner, der stattdessen ein Studium in Physik oder Energietechnik empfehle, um aktiv an der Wende mitzuarbeiten.
"Not-wendenden Störungen"
Eine Lanze für die Klimaproteste hat unterdessen der Tiroler KA-Vorsitzende Klaus Heidegger gebrochen. Er stellt sich hinter die "Klimakleber" und hat auch selbst schon an Aktionen teilgenommen und spricht in seinem Blog von "Not-wendenden Störungen". Durch seine öffentlichen Stellungnahmen sei er auch selbst schon als "Klimaterrorist" bezeichnet worden. Ein wütender Schreiber behauptet, dass die Mitglieder der Letzten Generation "Leute terrorisieren" würden. Dem hält Heidegger entgegen, dass man bei Terror bereit sei, Gewalt anzuwenden. Die Aktionen der Letzten Generation seien aber stets absolut gewaltfrei. Dazu gebe es auch die nötigen Trainings.
Bei Terror werde auch aus dem Hinterhalt agiert und man gebe seine Identität nicht preis. Die Aktivistinnen und Aktivisten der Letzten Generation stünden aber offen zu ihren Kundgebungen. "Sie verstecken sich nicht. Die Öffentlichkeit wird bewusst gesucht." Terror richte sich zudem gegen den Rechtsstaat. "Die Aktionen der Letzten Generation hingegen mahnen Rechte und Gesetze ein und beziehen sich u.a. dabei auf den Klimanotstand bzw. entsprechende Maßnahmen, zu denen die politisch Verantwortlichen aufgrund der Erderhitzung verpflichtet wären", betont der Vorsitzende der Tiroler Katholischen Aktion.
Terror versuche zudem, die Bevölkerung einzuschüchtern, indem Angst verbreitet wird. Doch: "Wer auf der Straße klebt, macht nicht Angst, auch wenn es für manche in einer bestimmten Situation nervig sein mag - so nervig, wie Autofahrende rund um Innsbruck fast täglich auch ohne Letzte Generation ständig in einem Stau stecken." Angst machten ihm - Heidegger - freilich so manche Reaktion von Menschen, die sich von den Klebeaktionen gestört fühlen. In ihren Wortmeldungen stecke oft viel Gewalt.
Quelle: kathpress