
Jesuit sieht Kirchen als wichtige Motoren der Versöhnung
Kirchen und Religionsgemeinschaften können eine wichtige Funktion bei der Versöhnung zuvor verfeindeter Seiten haben. Das gilt auch für den Ukraine-Krieg - denn auch wenn Versöhnung zunächst ein Ende der Gewalt, "Reue und Wiedergutmachung" sowie eine gerichtliche Verurteilung der Täter braucht, so sollte man die Kraft der Kirchen und Religionsgemeinschaften in Versöhnungsprozessen "nicht unterschätzen, weil sie nahe bei den Menschen sind und oft zu einem internationalen Netzwerk gehören". Das hat der Jesuit und Rektor des Innsbrucker Jesuitenkollegs, P. Christian Marte, in seinem Editorial in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Stimmen der Zeit" betont.
Marte hat in den vergangenen Monaten mehrfach die Ukraine besucht, zuletzt etwa Ende Juli mit Vertretern des Hilfswerks "Jesuiten weltweit" und im Frühjahr gemeinsam mit Provinzial Bernhard Bürgler. "Während unseres Besuchs in der Ukraine wäre es völlig unpassend gewesen, über Versöhnung zu sprechen", räumte Marte im Rückblick auf die Reise mit Bürgler ein. Schließlich sei die Stadt Lemberg (Lviv) zeitgleich mit Marschflugkörpern bombardiert worden. "Wie hätten wir da über Versöhnung sprechen können, wenn die Gewalt in der Stadt so präsent war?" Tatsächlich sei Versöhnung daher auch "anspruchsvoll" und bedürfe des Waffenstillstandes, einer gerichtlichen Aufarbeitung, Reue und Wiedergutmachung. Das hätten ihn auch seine vielen Besuche u.a. in Bosnien gelehrt.
Dennoch könne man auch in der aktuellen Situation als Christ vieles tun: "Am wichtigsten ist es, die Situation an Ort und Stelle zu kennen. Wenn möglich, sollte man hinreisen. Das ist das beste Mittel, um von politischen und militärischen Ferndiagnosen wegzukommen. Es ist ein Zeichen der Solidarität, in die Ukraine, in die Republik Moldau, nach Polen oder in die Slowakei zu reisen." Auch könne man sich in Hilfsprojekten engagieren, sich für Flüchtlinge im Land einsetzen oder sich am Fundraising für Hilfsprojekte beteiligen und vor allem: Die Perspektive der Opfer einnehmen. "Aufs große Ganze geblickt, sind die vielen kleinen Hilfsprojekte wesentlicher Bestandteil der humanitären Hilfe, auch quantitativ. Sie sind die Zivilgesellschaft."
Quelle: Kathpress