
Literaturnobelpreis an Fosse: Theologe Tück begrüßt Entscheidung
Als eine "auch aus theologischer Sicht erfreuliche Entscheidung" hat der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück die Verleihung des Literaturnobelpreises an den norwegischen Autor Jon Fosse gewürdigt. Fosse habe ein "waches Sensorium für die Unfassbarkeit des Geheimnisses" und ein Gespür für die Bedeutung von Religion, "ohne dabei gottprotzig zu werden". Insofern sei die Entscheidung des Nobelpreiskomitees mutig und begrüßenswert zugleich, zeigte sich Tück in einer Reaktion gegenüber Kathpress erfreut. Der Theologe hat u.a. die Wiener Poetikdozentur Religion und Literatur initiiert und über Fosse vor knapp einem Jahr im Rahmen eines "literarischen Terzetts" in der Katholischen Akademie in Bayern diskutiert.
Fosses Literatur kreise oftmals um Fragen des Geheimnisses. Man müsse begreifen, dass man Gott nicht begreifen könne, der sich im Nahekommen zugleich entziehe. In einer gewissen Nähe zur Mystik Meister Eckharts, umkreise sein literarisches Werk ein "dunkles Leuchten", das jeder in sich finden könne, wenn er nur suche. "Jon Fosse ist theologisch bedeutsam, weil er für einen indirekten Modus der Gottesrede wirbt." Er umkreise das "Mysterium des anwesend Abwesenden", das gerade in Erfahrungen schmerzhaften Vermissens aufleuchte, so Tück. Diese Nähe zum Bilderverbot sei, so Tück, ein wichtiger "Impuls für die Theologie, die Alterität Gottes zu wahren und ihn nicht für partikulare Interessen zu vereinnahmen".
Seine Abkehr von der lutherischen Staatskirche sei auch mit einer Aversion gegen verbeamtete Gottesrede verbunden gewesen - und die Faszination an meditativen und iterativen Gebetspraktiken im Katholizismus, die in seinem literarischen Werk immer wieder vorkommen. Fosses Kunst bestehe zudem darin, durch die "Brüchigkeit der Biografien" hindurch den Geheimnischarakter im anderen Menschen zu wahren und so einen literarischen "Kontrapunkt zu setzen, Menschen auf ihre Brauchbarkeit, ihren Nutzen oder ihre Arbeitskraft zu reduzieren".
Ein heilsames Gegengewicht "gegen die beschleunigten und hektischen Lebenswelten heute" setze die Literatur des Norwegers schließlich durch eine Kunst der umkreisenden Betrachtung, der Sammlung und Wirklichkeitkeitsverdichtung, die an Peter Handke erinnert und etwas Meditatives hat. "So wie wir nicht leben können, ohne zu atmen, so können wir nicht leben, ohne mit dem Mysterium des ganz Anderen in Verbindung zu treten".
Am Mittag hatte die Schwedische Akademie in Stockholm bekanntgegeben, dass Fosse in diesem Jahr den begehrten Preis erhält. Mit seinem Schaffen gebe der 64-Jährige "dem Unsagbaren eine Stimme", hieß es zur Begründung. Hervorgehoben wurden die Romane des Autors, die für ihren stark reduzierten Stil des "Fosse-Minimalismus" bekannt seien. Der Preisträger reagierte in einer Mitteilung seines norwegischen Verlags Samlaget "überwältigt und dankbar". Gegenüber dem Sender TV 2 fügte er scherzend hinzu: "Höher als zum Nobelpreis kann man nicht kommen. Danach geht es nur noch bergab."
Fosse, 1959 in der norwegischen Küstenstadt Haugesund geboren, gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen europäischen Schriftsteller. Seit 2022 ist er Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Für sein Prosawerk "Trilogie" erhielt er 2015 den Literaturpreis des Nordischen Rates, den renommiertesten Literaturpreis Skandinaviens. Seine mehr als 30 Theaterstücke werden weltweit aufgeführt und brachten ihm ebenfalls zahlreiche Preise ein.
Der 2013 zum Katholizismus konvertierte Christ ist nach eigenen Angaben ein frommer Mann. "Alles, was ich schreibe, ist eine Art Gebet", sagte er kürzlich in einem Interview.
Von 1901 bis 2023 wurden 116 Literaturnobelpreise an 120 Personen vergeben, darunter 17 Frauen. Im vergangenen Jahr erhielt die französische Schriftstellerin Annie Ernaux die Auszeichnung. Den ersten Literaturnobelpreis bekam 1901 der französische Dichter Sully Prudhomme. Bisher 13 Mal wurden deutschsprachige Autoren ausgezeichnet, darunter Thomas Mann (1929), Heinrich Böll (1972), Günter Grass (1999), Herta Müller (2009) und zuletzt Peter Handke (2019). Dotiert ist der Preis in diesem Jahr mit 11 Millionen Kronen (knapp 950.000 Euro).
Quelle: kathpress