
Scheuer: Bruckners Musik lotet Höhen und Tiefen aus
Die Vielschichtigkeit und spirituelle Kraft des musikalischen Oeuvres von Anton Bruckner (1824-1896) hat der Linzer Bischof Manfred Scheuer gewürdigt. In der Rezeption des oberösterreichischen Komponisten falle auf, dass er für die einen der "Musikant Gottes" war, andere würden in ihm einen genialen Komponisten sehen, der Zwangsstörungen hatte. Bruckner habe sich vom Messkomponisten, der etwa eng mit dem Linzer Mariendom verbunden war, zu einem für Transzendenz offenen Komponisten entwickelt, so Scheuer im Rahmen einer Interview-Reihe der Linzer "KirchenZeitung" zum Bruckner-Jahr 2024: "Seine Musik war ein Gegenkonzept zum reinen Positivismus und Materialismus der damaligen Zeit. Die Entfremdung und Emanzipation von Kunst, Kultur und Kirche war im 19. Jahrhundert groß."
Bischof Scheuer kam, wie er erzählte, bereits als Schüler mit Bruckner in Berührung. Sein auch Musikunterricht erteilender Religionslehrer, der Linzer Dompfarrer Johann Bergsmann, habe Bruckners "Te Deum" auf Platte vorgespielt und den als unmusikalisch geltenden jungen Scheuer damit tief beeindruckt: "Was mich damals bei dieser Musik existenziell berührt hat, waren diese Unterschiede: tiefe Abgründe, leiser Jubel, ein Ausbruch, ein Suchen und Finden, Zweifel."
Der Bischof erinnerte daran, dass der Mariendom eine besondere Rolle im Schaffen Bruckners spielte: Zur Grundsteinlegung habe der vormalige Stiftsorganist in Sankt Florian und ab 1855 als Domorganist in Linz tätige Bruckner die Festkantate komponiert, für die Weihe der Votivkapelle die e-Moll-Messe. "Seine kirchliche Laufbahn war die Voraussetzung für die Karriere als Komponist", so Scheuer.
Musik sagt mehr als Worte
Musik könne mehr aussagen als das argumentative Wort. "Wenn wir bei Bruckner hören 'Non confundar in aeternum' (dt.: Du wirst nicht für immer verloren sein, Anm.), dann drückt das eine Hoffnung aus", wies Scheuer hin. Existenzielle Höhen und Tiefen würden ausgelotet. "Die Musik kann diese Dimension einfangen, sie hält hier etwas offen."
Kirche ermöglicht nach den Worten des Bischofs gerade in Österreich Raum für Musik. Diese habe eine sehr große Bedeutung für die Lebensfreude der Einzelnen und für die Gemeinschaft. Die Einschränkungen der Coronazeit hätten gezeigt, "wie sehr das den Menschen abgeht". Zum Stellenwert der Musik in Liturgie und Pastoral merkte Scheuer an: "Ohne Musik jetzt vereinnahmen zu wollen in dem Sinne, dass es nur um 'gebrauchsfertige' liturgische Musik geht: Liturgie braucht die Musik. Zum Gebet und zum Lobgesang gehört die Musik dazu."
Angesprochen auf seinen Vorgänger als Linzer Bischof, Franz Joseph Rudigier (1811-1884), der als Kunstförderer u.a. auch Werke bei Bruckner in Auftrag gab, sagte Scheuer: "Ich verbinde mit diesem Amt schon, dass ich in der christlichen Tradition stehend das Kulturschaffen fördere." Die diesbezüglich hohe Bedeutung Rudigiers habe er erst vor einigen Jahren erkannt. Scheuer nannte es "faszinierend", dass Rudigier damals den Dom in einem antiklerikalen Umfeld bauen ließ - eine aus heutiger Sicht "verrückte Idee".
Quelle: kathpress