
Schönborn: Im "Westen" steigendes Interesse an Tschechiens Kirche
Angesichts einer "rasanten Säkularisierung" in Österreich wie auch in den anderen Ländern im Westen Europas steigt derzeit das kirchliche Interesse an der Situation in Tschechien: Das hat Kardinal Christoph Schönborn am Samstag bei einer Bischofsweihe im Dom von Leitmeritz (Litomerice) dargelegt. Der Wiener Erzbischof war Festprediger für den Redemptoristen-Ordensmann P. Stanislav Pribyl, der kurz vor Weihnachten von Papst Franziskus zum neuen Bischof der nordböhmischen Diözese ernannt worden war.
Tschechien habe in Sachen Säkularisierung einen Vorsprung, "ihr habt das durch Kommunismus und Wirtschaftsliberalismus schon fast hinter euch", bemerkte Schönborn. In Österreich schaue man in der letzten Zeit immer mehr auf den Nachbarn, "um besser zu lernen, wie als Kirche in einer so säkularen Gesellschaft zu leben, auch mit viel bescheideneren finanziellen Mitteln". Schon Papst Benedikt XVI. habe im Jahr 2009 Tschechien als Lehrbeispiel dafür genannt, "wie sich in dieser säkularen Gesellschaft Christsein heute gestalten kann".
"Menschsein" und leidenschaftliches Interesse für das Schicksal der Menschen bezeichnete der Kardinal als notwendiges Wesensmerkmal eines "echten Christen" - und auch eines Bischofs. Auch aus Leitmeritz gebe es dazu Vorbilder, verwies Schönborn auf die Geschichte des letzten Deportationszuges aus dem dortigen KZ-Außenlager kurz vor Kriegsende 1945. Mutige Menschen der Zivilbevölkerung hätten damals den Zug mit 4.000 Personen in offenen Kohlewaggons aufgehalten und die Halbverhungerten befreit.
Auch andere dramatische Phasen der bewegten Geschichte der am Zusammenfluss von Elbe und Eger gelegenen Kleinstadt kamen in der Predigt zur Sprache: Die hussitischen Konflikte, die Spannungen der Reformationszeit, die katholisch-habsburgische Gegenreformation und die Nationalitätenfrage zwischen deutschen und tschechischen Teilen der Bevölkerung, weiters auch die Nazi-Herrschaft und die nachfolgende Vertreibung der Deutschsprachigen, die kommunistische Phase mit ihren Kirchenverfolgungen, sowie quer durch die Jahrhunderte die wiederkehrende Judenverfolgung. Für die heutige Freiheit könne man laut Schönborn nicht genug dankbar sein.
Schönborn sprach damit auch seinen eigenen besonderen Lebensbezug zur Diözese Leitmeritz an. Der heutige Wiener Erzbischof wurde im Jänner 1945 auf Schloss Skalken bei Leitmeritz geboren. Nur wenige Wochen später wurde seine Familie am Ende des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat in der damaligen Tschechoslowakei vertrieben.
Neuer Bischof zuvor Bischofskonferenz-Generalsekretär
Bei der Bischofsweihe am Samstag in der Leitmeritzer Stephanskathedrale war der Prager Erzbischof Jan Graubner Hauptkonsekratär. Mitkonsekratoren waren außer Kardinal Schönborn der deutsche Bischof Gregor Maria Hanke und Pribyls Vorgänger auf dem örtlichen Bischofsstuhl, der emeritierte Bischof Jan Baxant. An der Feier nahm auch der Generalsekretär der Österreichischen Bischofskonferenz, Peter Schipka, teil.
Bischof Pribyl wurde am 16. November 1971 in Prag geboren und 1996 zum Priester geweiht. Von 2002 bis 2011 leitete der Ordensmann als Provinzial die Prager Redemptoristen-Provinz. Ab 2004 war Pribyl auch vier Jahre lang Caritas-Chef in der Erzdiözese Prag, bevor er 2009 als Generalvikar in die Diözese Leitmeritz wechselte. Seit 2016 amtierte Pribyl als Generalsekretär der Tschechischen Bischofskonferenz.
In der im 17. Jahrhundert gegründeten Diözese Leitmeritz (Litomerice) leben heute rund 160.000 Katholikinnen und Katholiken. Das Diözesangebiet umfasst die Regionen Usti (Aussig) und Liberec (Reichenberg), teilweise auch die Regionen Hradec Kralove (Königgrätz) und Zentralböhmen sowie kleine Gebiete der Region Karlovy Vary (Karlsbad). Insgesamt gibt es rund 380 Pfarrgemeinden.
Quelle: kathpress