
Ordensmann: Tigray von Hilfen noch immer weitgehend abgeschnitten
Die humanitäre Lage in der Region Tigray bleibt auch drei Jahre nach dem Friedensabkommen vom November 2022 prekär. Pater Luan Kinh, Salesianerpriester aus dem Vietnam und schon seit 2008 in Äthiopien tätig, berichtet von massiven Notlagen besonders für Kinder, Frauen und Binnenvertriebene (IDP), mit denen er arbeitet. "Die Situation ist noch immer fragil. Es gibt weiter Spannungen, denn das Friedensabkommen hat kaum etwas verändert", sagte P. Luan bei einem Wien-Besuch auf Einladung des Hilfswerks "Jugend Eine Welt" anlässlich des "Welttags der Kinderrechte" im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress.
Der Krieg in Tigray zwischen 2020 und 2022 forderte schätzungsweise 500.000 Todesopfer. Rund zwei Millionen Menschen flohen aus der Region; Infrastruktur wie Schulen und Krankenhäuser wurden zerstört. Viele Gemeinden leiden weiterhin unter Hunger, Krankheiten und Traumata, denn die humanitäre Lage bleibt angespannt: Allein in den Flüchtlingslagern Tigrays leben nach Angaben von Luan an die 115.000 Menschen, ihr Zugang zu Nahrung und medizinischer Hilfe ist äußerst begrenzt, aber ebenso jener der Wohnbevölkerung.
Ein großes Problem für die Versorgung sind Straßenblockaden und Kontrollen, erklärte Luan: Der Tigray sei nur per Flugzeug erreichbar, an Hilfstransporte über Landwege könne derzeit gar nicht gedacht werden, womit die Region von der Außenwelt weiterhin praktisch abgeschnitten ist. Trotz der Not zeigten die Menschen große Resilienz. "Es ist ein Geheimnis für mich, wie die Leute überleben", so der in Adwa stationierte Priester.
Besonderes Augenmerk legen Luan und mit ihm die Salesianer Don Boscos auf die Situation der Kinder im Tigray. Diese würden nun schon seit fünf Jahren mehrheitlich nicht zur Schule gehen. Waren anfangs die Schulschließungen in der Corona-Pandemie der Grund, kam später der Bürgerkrieg, in dem die Schulen zerstört worden seien, erklärte Luan. Nun würden die teils wiedererrichteten Gebäude als Notunterkünfte für Binnenvertriebene gebraucht. "Kinder haben kaum Bildungsmöglichkeiten, ganz besonders die Flüchtlingskinder, und wenn doch, ist es sehr schlechter Unterricht." Dazu trage bei, dass Lehrer sehr geringe Löhne bekämen und die Regierungsausgaben für Bildung minimal seien.
In der Provinzhauptstadt Adwa betreiben die Salesianer eigene Zentren, in denen aktuell 900 Kinder sowohl vormittags als auch nachmittags Unterricht erhalten. Angeboten werden neben schulischer Bildung auch handwerkliche Ausbildung in Solartechnik, Textilien, Lebensmittelzubereitung, Elektrizität und Bauwesen. Ziel sei es, Jugendlichen Perspektiven zu eröffnen und kleine Unternehmen zu gründen, sagte der vietnamesische Missionspriester.
Unterstützt werden die Projekte unter anderem vom Hilfswerk Jugend Eine Welt, das vor einem Jahr mit der Austria Development Agency (ADA) ein Nothilfeprogramm gestartet hat, sowie von den Päpstlichen Missionswerken (missio). Zu den wichtigsten Maßnahmen zählt die Bereitstellung von Trinkwasser und Mehl zum Brotbacken. P. Luan: "Viele Kinder kommen in die Schule, weil sie bei uns zu essen bekommen. Für viele ist es die einzige Mahlzeit am Tag."
Darüber hinaus bietet der Orden psychologische Betreuung, spirituelle Unterstützung und Freizeitangebote. "Kinder können wieder spielen, lernen und an kreativen Angeboten teilnehmen, und die Hilfe vermittelt Selbstbestimmung und Würde", so der Salesianer.
Die katholische Kirche sei durchgehend auch in den Kriegsjahren ein zentraler Akteur der humanitären Hilfe in Tigray gewesen. "Wir waren während des Krieges die einzige Institution, die bei den Menschen geblieben ist. Die Bevölkerung weiß, dass wir sie nie verlassen haben. Das schafft Vertrauen und gibt Hoffnung", erklärte Luan.
An die internationale Gemeinschaft appellierte der Ordensmann, den Wiederaufbau und die humanitäre Hilfe sowie Maßnahmen zur Friedenssicherung zu unterstützen. "Nur wenn es Frieden, Dialog und Respekt für die Würde der Menschen gibt, können Stabilität und Entwicklung gelingen." (Spendeninfos: Jugend Eine Welt, AT66 3600 0000 0002 4000 bzw. www.jugendeinewelt.at/spenden)
Quelle: kathpress