
Experte: US-Angriff verschärfte humanitäre Lage in Venezuela
Der US-Militärschlag in Venezuela und die Absetzung von Präsident Nicolás Maduro haben die ohnehin prekäre humanitäre Lage im Land nach Ansicht des österreichischen Nothilfeexperten Wolfgang Wedan weiter verschärft. Trotz des Machtwechsels bleibe die Bevölkerung ängstlich und unterversorgt, während die politischen Strukturen im Land weitgehend unverändert blieben. Das berichtete Wedan, globaler Nothilfe-Koordinator des Hilfswerks "Jugend Eine Welt", im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress am Mittwoch.
Wedan, der seit 2021 Projekte von der venezolanischen Hauptstadt Caracas aus betreute und diese seit Oktober aus Sicherheitsgründen aus Österreich koordinieren muss, schilderte die Lage vor Ort als komplex und gefährlich. Schon vor dem Angriff hätten sich Spannungen zwischen den USA und Venezuela abgezeichnet. Damals habe die venezolanische Regierung die Bevölkerung angewiesen, Ausländer zu melden, und mehrere Europäer seien festgenommen worden, sagte er. Wedan verließ damals das Land, möchte aber bald schon wieder nach Caracas zurückkehren.
Der US-Militärschlag am 3. Jänner, bei dem Maduro von US-Einheiten festgenommen und außer Landes gebracht wurde, sei in Venezuela selbst zweigeteilt aufgenommen worden, sagte Wedan. Der Großteil der Bevölkerung begrüße zwar das Ende Maduros klar, lehne jedoch das Eingreifen von außen ab. "Die Menschen sagen klar: Wir wollen keine ausländische Macht im Land", schilderte er die Stimmung. In Caracas und auch anderen Landesteilen habe man Angst vor weiteren Angriffen und sorge sich um die Zukunft des Landes.
Politisch habe sich nach der Absetzung Maduros wenig Grundlegendes geändert, so Wedan. Die neue Übergangspräsidentin Delcy Rodriguez stamme aus dem gleichen politischen Umfeld und versuche, bestehende Strukturen mit Unterstützung von Militär und Polizei aufrechtzuerhalten. Einzig der Öl-Deal mit den USA zeichne sich nun ab, der Washington wieder Zugang zu venezolanischen Ölreserven ermögliche. Ein tatsächlicher Systemwandel sei in den nächsten zehn Jahren aufgrund der Zersplitterung der Opposition und der anhaltenden Repression durch paramilitärische Gruppen ("Colectivos") und Sicherheitsorgane nicht zu erwarten.
Hunger durch Benzinknappheit
Verschärft hat sich laut Wedans Einschätzung die humanitäre Situation. Bereits vor dem Angriff litt Venezuela unter massiven Engpässen bei Lebensmitteln, Medikamenten und Treibstoff. Die anhaltende Benzinknappheit behindere Transporte und verschlimmere die Versorgungskrise. "Viele Menschen haben kein Essen mehr, und die Preise auf den Märkten steigen täglich", berichtete der Nothilfe-Experte. In ländlichen Regionen seien die Folgen besonders gravierend, da Versorgungsketten zusammengebrochen seien. Besonders von dieser Situation getroffen seien ältere Menschen, Kinder und die Ärmsten der Armen, die schon vor dem Angriff unter Mangel litten und nun zusätzlich durch Unterbrechungen logistischer Ketten und steigende Preise belastet würden.
Therapie und Lebensmittel
Hilfsorganisationen wie jene der Ordensgemeinschaften Salesianer Don Boscos und Don Bosco Schwestern unter Wedans Koordination bereiten sich darauf vor, hier Hilfe zu leisten: Als dringendste Nothilfemaßnahme bezeichnete der Experte die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln durch Lebensmittelkörbe, dank derer um rund 100 US-Dollar eine vierköpfige Familie etwa einen Monat über die Runden kommt. Für Kinder werden Schulmahlzeiten zur Verfügung gestellt, soll doch der derzeit ausgesetzte Unterricht am 12. Jänner weitergehen.
Auch um Therapieprogramme, Notschlafstellen und die Einrichtung sicherer Orte für Kinder bemühen sich die Partner von "Jugend Eine Welt". Eines der Ziele sei es, "zu verhindern, dass sich Traumata durch die Bombardierungen bei Kindern festsetzen", erklärte Wedan. Vorbereitungen treffe man bereits auf einen befürchteten erneuten Flüchtlingsstrom, der schon bald aus Venezuela in Richtung Kolumbien einsetzen dürfte. "Viele Eltern nehmen die Kinder auf der Flucht nicht mit, sondern lassen sie bei Großeltern oder Angehörigen zurück. Nicht wenige reißen später bei Konflikten aus, werden zu Straßenkindern oder landen in Prostitution und Menschenhandel", so der Experte.
(Weitere Infos: www.jugendeinewelt.at)
Quelle: kathpress