
Caritaspräsidentin: Kürzungen führen zu sozialen Kippunkten
Vor weiteren Kürzungen der Regierung - insbesondere Einschnitten bei den Familienleistungen und der Sozialhilfe - hat Caritas-Präsidentin Tödtling-Musenbichler gewarnt. Solche führten zu sozialen "Kipppunkten", die es so bisher nie gegeben habe, und würden einen "Kipppunkt hin zu einer sozialen oder gesellschaftlichen Klimakrise" herbeiführen, betonte sie im Interview mit der APA. Die Senkung der Mehrwertsteuer - die jüngste Regierungsmaßnahme zur Entlastung einkommensschwacher Haushalte - sei sicher eine Entlastung für armutsbetroffene Familien. Dem gegenüber stünden aber "sehr hohe Kürzungen, die dazu führen, dass ein großes Loch für gerade jene Menschen entsteht, die wirklich am Ende des Monats kein Geld mehr zur Verfügung haben".
In Zeiten der Budgetkonsolidierung dürfe nicht bei den Ärmsten gespart werden, forderte Tödtling-Musenbichler abermals. Es brauche ein Schutzpaket, "das Existenz sichert, Kinder schützt und Chancen sichert". Gerade Frauen und Kindern müsse eine Perspektive geboten werden, dass diese ohne Armut aufwachsen können, weil Armut vererbt werde. Konkret bedeute das eine Valorisierung der Familienleistungen, die derzeit ausgesetzt ist. Gerade Familien mit mehr Kindern würden dadurch Hunderte Euro weniger bekommen, "und das ist eine große Gefahr", so die Caritas-Präsidentin. Oft gehe dies auf Kosten der Bildung.
Heimat- und Wohnungslose
Auch auf die Unterbringung von aus der Ukraine vertriebenen Menschen und die lebensbedrohliche Situation wohnungsloser Menschen im Winter machte Tödtling-Musenbichler aufmerksam. Angesichts fehlender staatlicher Unterkünfte werden die Vertriebenen aus der Ukraine derzeit mit Unterkünften in Wiener Pfarren von der Caritas unterstützt. Tödtling-Musenbichler richtete einen Appell an Bund und Länder, Verantwortung zu übernehmen: "Wir reden hier von Menschen aus einem Kriegsgebiet, wo jeden Tag Häuser zerbombt werden, wo Kinder wirklich in Schutzkellern leben."
Die jüngste Rekordkälte habe die Caritas auch in der Betreuung wohnungsloser Menschen besonders gefordert, so Tödtling-Musenbichler weiter. "Wir erleben wirklich einen der schlimmsten Winter, gerade für jene Menschen, die tagtäglich auch auf der Straße leben", erinnerte sie. Dies sei zum Teil lebensbedrohend, bereits zwei Menschen habe die Lebenssituation das Leben gekostet. Zwar sei man österreichweit bei den Notquartieren gut aufgestellt, so Tödtling-Musenbichler. Das Wichtigste sei aber noch immer, hinzuschauen und etwa zum Kältetelefon zu greifen.
Engagement der Kirche
Im Engagement für arme Menschen lobte Tödtling-Musenbichler auch den neuen Wiener Erzbischof Josef Grünwidl: "Ich freue mich einerseits für die Erzdiözese Wien, aber ich freue mich vor allem für ganz Österreich, dass wir einen Erzbischof bekommen haben, der wirklich mitten im Leben steht, der bei den Menschen ist und der auch sehr verbindend ist." So habe Grünwidl gleich nach seiner Weihe einen Gottesdienst mit armen Menschen abgehalten. "Das hat er auch schon zuvor gemacht", erinnerte Tödtling-Musenbichler, die darin nicht nur einen reinen Symbolakt sieht.
Die Österreichische Bischofskonferenz habe sich jüngst in einer Erklärung gegen immer heftiger werdende Anfeindungen gegenüber Hilfsorganisationen ausgesprochen. Solche würden nicht nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Hauptamtliche und viele Freiwillige verletzen, so die Caritas-Präsidentin. Solche Anfeindungen richteten sich gegen alle Menschen, die das gesellschaftliche Leben stützen und den Zusammenhalt tagtäglich fördern. "Und deshalb hoffe ich auf viel Rückhalt. Wir spüren und erleben, dass vielen nicht gleichgültig ist, wenn Hilfsorganisationen jetzt angegriffen werden."
Quelle: kathpress