
Theologe Körtner mit Plädoyer für "Theologie des Winters"
Für eine "Theologie des Winters" hat sich der reformierte Theologe Prof. Ulrich Körtner ausgesprochen. In einem Gastbeitrag in der "Kleinen Zeitung" (Sonntag) griff Körtner einen entsprechenden Gedanken des katholischen Theologen Karl Rahner (1904-1984) auf. Schon Rahner sei es noch zu seinen Lebzeiten so vorgekommen, als durchlebe die Kirche im Zuge der fortschreitenden Entchristlichung der Gesellschaft "so etwas wie eine winterliche Zeit", die dazu herausfordere, "so etwas wie eine Art Theologie des Winters" zu entwickeln.
Dass es solche Zeiten in der Kirchengeschichte gebe, sei kein Grund, an Gott und seiner Existenz zu zweifeln, aber auch kein Anlass für dauerreformerischen Aktionismus. Schließlich könne es in der Kirche - wobei Rahner vornehmlich seine eigene, die römisch-katholische, im Blick hat - nicht ständig konziliare Aufbruchsstimmungen geben.
Winterlich glauben und leben bedeutet nicht, in Resignation zu verfallen. "Auch im Winter", so Rahner, "gibt es genug Arbeit, in der eine Zukunft vorbereitet wird". Voraussetzung dafür sei freilich, das gleiche Maß an Mut, Zuversicht und Hoffnung wie die ersten Christen aufzubringen und sich auf elementare Weise darauf zu besinnen, was es heißt, ein Christ zu sein und als solcher zu glauben und zu hoffen.
Körtner griff diese Gedanken auf: Es gebe gute Gründe, den Kirchen eine Mitschuld an der Verdunkelung Gottes anzulasten, sei es im Umgang mit sexualisierter Gewalt und geistlichem Missbrauch, sei es durch Moralisierung des Evangeliums. Umso wichtiger sei es, den persönlichen Glauben zu bezeugen und zu leben.
Nicht aus der Kirche auszutreten, sondern in ihr zu bleiben, sei der neue Nonkonformismus der Gegenwart. "Christsein heute wandelt sich vom traditionellen Mitläufer- zum Entscheidungschristentum", so der Theologe: "Zur Minderheit zu werden ist heute eine ökumenische Erfahrung. Theologie der Diaspora als ökumenische Zeitansage in winterlicher Zeit: Nicht als Ausdruck des Rückzugs aus der säkularen Welt, sondern im Gegenteil als Ermutigung, sich in diese Welt einzumischen und das Evangelium von der Liebe Gottes, seiner Agape oder Caritas, in Wort und Tat zu bezeugen."
Auch die Erneuerung von konfessioneller Identität könne nur in ökumenischer Offenheit gelingen. Ohne das Gegenüber zu den anderen und ohne das Miteinander mit ihnen erstarre die eigene christliche Identität im Traditionalismus. Lebendige Identität sei nicht statisch, sondern dynamisch und wandelbar, "dabei aber stets auf Christus als den einen und entscheidenden Orientierungspunkt hin ausgerichtet".
Nicht überall herrscht Winter
Körtner wies zugleich aber darauf hin, dass die Situation der Christenheit im Weltmaßstab ein recht vielstimmiges Bild liefere. Nicht überall herrsche Winter, "aber man kann den Frühling geistlicher Aufbrüche in anderen Erdteilen nicht einfach auf die eigene Lebenswelt übertragen".
Fazit: "Theologie des Winters, das ist Theologie in dürftiger Zeit, in der wir hier und jetzt auf epochale Weise auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen sind und eine Haltung des gespannten Wartens auf Gottes Zeit einzuüben haben", so Körtner. Winterlich leben bedeute auch: "Einander im Glauben und im Leben aus Glauben bestärken und tragen. Das ist eine ökumenische Aufgabe in winterlicher Zeit."
Quelle: kathpress