
Huainigg kritisiert Rückschritte bei Inklusion und "Selektion"
Der ORF-Barrierefreiheitsbeauftragte und frühere ÖVP-Nationalratsabgeordnete (2002-2017) Franz-Joseph Huainigg sieht in Österreich wesentliche Rückschritte bei Inklusion und Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. In einem Interview mit der Kärntner Kirchenzeitung "Der Sonntag" kritisierte Huainigg insbesondere Entwicklungen im Bildungsbereich sowie den gesellschaftlichen Umgang mit Behinderung und assistiertem Suizid. "Denn als Mensch mit Behinderung muss man sich zunehmend dafür rechtfertigen, dass man überhaupt leben möchte. Hier ist großer gesellschaftlicher Druck entstanden."
"Wir müssen die Vielfalt der Menschen schätzen, anstatt auszugrenzen", sagte Huainigg. In der aktuellen Diversitätsdebatte komme das Thema Behinderung und Gleichstellung "oft gar nicht mehr vor". Besonders kritisch äußerte er sich über Reformen im Schulbereich. Unter dem "Deckmantel der Inklusion" seien funktionierende Integrationsklassen abgeschafft und durch "inklusive Schulzentren" mit separaten Sonderschulbereichen ersetzt worden. "Nur weil alles unter einem Dach ist, heißt das noch lange nicht, dass hier Inklusion gelebt wird", so Huainigg. 2015 erhielt er das Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich.
Der frühere ÖVP-Abgeordnete erinnerte auch an seine Rede zum Thema Präimplantationsdiagnostik im Parlament. Damals habe er die Abgeordneten gefragt, wer von ihnen "normal" sei. Niemand habe aufgezeigt. "Was normal ist, kann man nicht definieren", meinte Huainigg nun rückblickend.
Kritik an Suizidbeihilfe
Scharfe Kritik übte Huainigg zudem an der Behindertenpolitik der vergangenen Jahre. "Welche Behindertenpolitik?", fragte er. Besonders der Entscheid zur Beihilfe zum Suizid habe ihn "entsetzt". Der Verfassungsgerichtshof (VfGH) kippte 2020 mit Wirksamkeit 1. Jänner 2022 die Strafbarkeit der Beihilfe zum Selbstmord. Der ehemalige Politiker sieht damit den Wert des Lebens zunehmend infrage gestellt. Unter dem Vorwand von Autonomie würden autonome Entscheidungen eingeschränkt, weil sich Menschen mit Behinderungen "zunehmend dafür rechtfertigen" müssten, dass sie leben wollten.
Perspektivenwechsel weg von Defiziten
Huainigg, der selbst im Rollstuhl sitzt und künstlich beatmet wird, sprach sich für einen Perspektivenwechsel weg von Defiziten hin zu Fähigkeiten aus. Als Beispiel nannte er die von ihm initiierte ORF-Serie "Ziemlich bestes Team", die arbeitssuchende Menschen mit Behinderungen begleitet. Ziel sei es, deren Potenziale sichtbar zu machen.
Seine eigene Behinderung habe ihn gelehrt, "den inneren Blick auf das Wesentliche zu schärfen". Trotz vieler Barrieren im Alltag beschrieb Huainigg sein Leben als "Abenteuer". Resignation dürfe es nicht geben: "Man darf nicht resigniert vor einer Mauer stehen, sondern muss überlegen, wie man mit dem Rollstuhl eine Räuberleiter machen kann", so der Autor Franz-Joseph Huainigg. Sein jüngstes Buch mit dem Titel "Mein langer Atem" ist heuer im Tyrolia-Verlag erschienen.
Quelle: kathpress