
Früherer Zeremoniär: Johannes Paul II. verband Humor und Spiritualität
"Im Alltag machte er Scherze und war ganz normal. Aber in der Kapelle war er wie in einer anderen Welt": So erinnert sich der frühere päpstliche Zeremoniär Boleslaw Jan Krawczyk (74) an Johannes Paul II. (1920-2005) zurück, der auf einzigartige Weise Humor mit tiefer Spiritualität verbunden habe. Der gebürtige Pole feiert heuer das 50-Jahr-Jubiläum seiner Priesterweihe, mit einer Festmesse mit dem Apostolischen Nuntius Pedro Lopez Quintana am 27. Juni um 15 Uhr in der Klosterkirche der Barmherzigen Brüder Wien. Im Interview mit Kathpress lässt der langjährige Vatikan-Mitarbeiter, der von 1997 bis 2022 in Wien als Pfarrer wirkte und weiter dort lebt, die Jahre mit seinem inzwischen heiliggesprochenen Ex-Chef Revue passieren.
Die Zeit an der Seite von Johannes Paul II. habe ihn für sein Leben geprägt, sagte Krawczyk. Wobei er Karol Wojtyla schon aus der gemeinsamen Heimat gut kannte. "Wir begegneten uns schon vor der Papstwahl immer wieder in Polen bei kirchlichen Veranstaltungen, als er noch Kardinal und Erzbischof von Krakau war", so Krawczyk. Besonders eindrücklich sei ihm ein Festival für neue geistliche Lieder in Warschau 1975 geblieben, das er moderierte. Unterstützt wurde die Veranstaltung auch vom damaligen polnischen Primas Kardinal Stefan Wyszyski. "Johannes Paul II. war sehr interessiert an rhythmischen Liedern, die von italienischen Chansons und internationalen Gruppen beeinflusst waren", so Krawczyk. Die Kirche sei damals im kommunistischen Polen einer der wenigen Räume gewesen, in denen so etwas möglich war.
Krawczyk wurde 1951 im damaligen Neustettin geboren, trat früh in den Pallottinerorden ein und wurde 1976 von Kardinal Wyszyski zum Priester geweiht. Kurz darauf ging er zum Studium nach Rom. Dort erlebte er auch die Wahl Johannes Pauls II. am 16. Oktober 1978: "Als der Name Wojtyla fiel, ist mein Vater sofort auf die Knie gefallen. Auf dem Petersplatz herrschte eine unglaubliche Spannung, die uns völlig überwältigte." Schon kurz darauf holte Johannes Paul II. den damals erst 27-jährigen Priester in den liturgischen Dienst des Vatikans und später ins päpstliche Zeremonienamt. Von 1979 bis 1995 begleitete Krawczyk den Papst auf zahlreichen Reisen und bei liturgischen Feiern. "Er war offen, manchmal überraschend spontan, aber gleichzeitig sehr diszipliniert", so seine Erinnerung an den Pontifex.
Gänsehaut und Stille
Besonders beeindruckt hätten ihn die Predigten Johannes Pauls II., etwa in Sizilien gegen die Mafia oder im polnischen Radom gegen Abtreibung. "Das waren Gänsehaut-Momente", so Krawczyk. Gleichzeitig habe der damalige Papst im Alltag eine andere Seite gezeigt. "Er konnte scherzen, war unkompliziert und menschlich nah, ein Schauspieler, der viele Dinge jedoch auch sehr ernst genommen hat." Diese Spannung sei vor allem im liturgischen Raum zu spüren gewesen. "In der Kapelle war er wie verwandelt. Man hatte den Eindruck, er war nicht mehr ganz in dieser Welt", sagte der Ordensmann. Nach außen und im Umgang mit anderen Menschen habe Johannes Paul II. Normalität ausgestrahlt, im Gebet jedoch eine außergewöhnliche Tiefe.
Wichtig sei Johannes Paul II. auch die internationale Dimension der Kirche gewesen. "Er wollte viele Sprachen in der Liturgie hören", erinnerte sich Krawczyk. Einmal habe der Heilige Vater nach einer Feier kritisiert, dass keine slawische Sprache in den Fürbitten vorkam. "Er sagte: Das kann nicht so bleiben." Dahinter habe seine Vorstellung einer Kirche gestanden, die Ost- und Westeuropa verbindet, "das Bild der beiden Lungenflügel, mit denen die Kirche atmet".
Intensive Österreich-Reise 1988
Einer der Höhepunkte der gemeinsamen Jahre war der Papstbesuch in Österreich 1988, bei dem Krawczyk als Zeremonienmeister fungierte. Stationen waren Wien, Salzburg, Innsbruck, Gurk und das Burgenland. Die Reise sei sehr intensiv und gut vorbereitet gewesen, sagte Krawczyk. Im Wiener Stephansdom blieb ihm besonders die Vesper mit Musik von Peter Planyavsky in Erinnerung. "Nicht jeder konnte damit sofort etwas anfangen, aber es war eine sehr starke liturgische Erfahrung". Im Burgenland habe der damalige Bischof Stefan László bei den Vorbereitungen in Trausdorf scherzhaft erzählt, er habe "auf dieser Wiese die Kühe seines Onkels gehütet", während er den Papstthron probegesessen habe.
Bei der Kärnten-Station habe damals die Messe in Gurk eine besondere Prägung durch die Fokolar-Bewegung erhalten. In Salzburg sei die Delegation im Kapuzinerkloster am Kapuzinerberg untergebracht gewesen, in Innsbruck habe es Diskussionen um den historischen Hirtenstab der Äbte von Wilten gegeben. "Ich musste erklären, dass der Papst seinen eigenen Stab verwendet", erinnert sich Krawczyk. Die Reaktionen auf den Papst seien unterschiedlich gewesen: Im Burgenland sehr offen bis euphorisch, besonders durch die vielen Menschen aus Ungarn und der Slowakei, die dank einer Sonder-Grenzöffnung gekommen waren. In Salzburg habe er dagegen in der Vorbereitung eine gewisse Distanziertheit gespürt, die dann während des Besuches jedoch verschwunden gewesen sei.
Weltkirche, Jugend und Heiligsprechung
Auch Reisen nach Polen und in die baltischen Staaten nach dem Ende des Ostblocks seien prägend gewesen. "Die Dankbarkeit der Menschen war enorm", so Krawczyk. Zugleich habe der Papst seine Herkunft nie vergessen und sich in Wadowice regelmäßig mit ehemaligen Schulfreunden getroffen. Besonders durch die Weltjugendtage habe Johannes Paul II. die Kirche nachhaltig verändert, dank seines "außergewöhnlichen Zugangs zur Jugend".
Krawczyk selbst wirkte nach seinen Jahren in Rom in den USA, in Salzburg und schließlich ab 1997 in Wien, unter anderem als Pfarrer in St. Leopold und in der Kirche St. Josef der Barmherzigen Brüder. 2022 trat er in den Ruhestand. Über die 2014 durch Papst Franziskus vollzogene Heiligsprechung Johannes Pauls II. zeigt sich Krawczyk nicht überrascht. Entscheidend sei dafür seiner Ansicht nach nicht ein einzelnes Ereignis gewesen, sondern das Gesamtbild seines Lebens. "Alles war auf Gott ausgerichtet." Johannes Paul sei für ihn ein "Papst, der Gott und die Menschen suchte" gewesen.
Wie der Pontifex aus Polen mit anderen Menschen umgegangen sei - auch mit Familien und Kranken - habe viele Menschen geprägt, auch ihn selbst und sein Priesterbild, so der polnische Ordensgeistliche. "Er hat immer zugehört, aber nicht immer geantwortet. Er blieb immer ein Rätsel, hat sich stets auch ein kleines Geheimnis bewahrt, und öfters dachte ich, er weiß mehr als er uns sagt."
Quelle: kathpress