
Zusammenleben in der Steiermark: Kirche pocht auf Mitsprache
2011 wurde die steirische "Charta des Zusammenlebens" von allen Parteien beschlossen und von mehr als 40 Institutionen mitgetragen. Nun will die von FPÖ und ÖVP gebildete Landesführung laut Medienberichten die Charta im stillen Kämmerlein durch ein deutlich strengeres Integrationsleitbild ersetzen. Bei der katholischen Diözese Graz-Seckau und der Evangelischen Kirche in der Steiermark stößt diese Vorgehensweise auf heftige Kritik.
Die "Charta des Zusammenlebens in Vielfalt" sei ein guter Maßstab für das Leben in der Steiermark, hielt der steirische Diözesanrat auf seiner jüngsten Sitzung in Seggau (19./20. Juni) fest, wie die Diözese Graz-Seckau am Montag in einer Aussendung mitteilte. Zweifellos habe sich die soziale Realität in der Steiermark seit 2011 verändert, was eine Überarbeitung der Charta durchaus nahelegen mag. Man wolle von der Landespolitik aber auf jeden Fall eingebunden werden, fordert der Diözesanrat.
Die Charta mit "Multikulti-Romantik" abzutun, greife jedenfalls zu kurz. Im Wissen darum, "dass Migration und Vielfalt ein Faktum sind und bleiben werden, und im Geist der bisher gut gelebten Kultur des Miteinanders in unserem Land" appellierte der Diözesanrat an die Verantwortungsträger in Landesregierung und Landtag: "Nehmen Sie die Erfahrungen aus der gelungenen Arbeit der Integrationspartnerschaft auf Basis der Charta ernst; nutzen Sie erprobte Allianzen; erkennen Sie die Kraft breiter partizipativer Prozesse."
Eine konstruktive Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen führe nur dann zu nachhaltigen Lösungen, wenn Beteiligung ermöglicht und gelebt wird. Die Katholische Kirche in der Steiermark sei selbstverständlich bereit, aktiv mitzuwirken, so der Diözesanrat.
Ein entsprechendes Positionspapier der Katholischen Kirche ging laut Aussendung noch am Sitzungswochenende an alle steirischen Abgeordneten im Landtag und an die Landesregierung.
Auch die Evangelische Kirche schloss sich diesem Appell an die Landespolitik an. "Auf die Expertise und die Erfahrungen der Kirchen zu verzichten, wäre kurzsichtig", so der evangelische Superintendentialkurator Michael Axmann.
40 Prozent der Priester keine Österreicher
Der Diözesanrat der Diözese Graz-Seckau ist ein Gremium, das die mehr als 700.000 Katholikinnen und Katholiken in der Steiermark repräsentativ vertritt. Er berät und diskutiert über wichtige Themen und Angelegenheiten der Diözese und bereitet in seinen Beschlüssen Empfehlungen für den Diözesanbischof zur Umsetzung vor.
Die Delegierten beschäftigten sich in Seggau u.a. auch mit personellen Veränderungen in der Diözesanleitung. Ende August wird Generalvikar Erich Linhardt emeritieren. Sein Nachfolger als Generalvikar wird ab 1. September Weihbischof Johannes Freitag, der wiederum von Lukas Grangl als Diözesandirektor für Ressourcen, Steuerung und Organisation unterstützt werden wird. Beide werden das Generalvikariat mit gemeinsamer Verantwortung leiten. Linhardt wird als Bischofsvikar für Caritas weiter im Dienst der Diözese tätig sein, wie es hieß.
Ein weiteres Thema der Diözesanratssitzung war die Zusammensetzung des Klerus der Diözese: 40 Prozent der Priester in der Diözese sind demnach keine Österreicher. Je neun Prozent stammen aus Polen und Afrika, je sieben Prozent aus Rumänien und Indien, zwei Prozent aus Asien. Die fremdsprachigen Priester würden über mehrere Jahre von einem Team begleitet, damit die Integration in die Diözese gelinge, informierte P. Karl Peinhopf vom Betreuungsteam.
Zudem beleuchteten die Delegierten das weltkirchliche Engagement der Diözese. Diese hilft via Welthaus, Afro-Asiatischem-Institut, Caritas, Dreikönigsaktion, Missio und Aktionen der Katholischen Frauen- und Männerbewegungen, berichtete Welthaus-Geschäftsführer Markus Meister. Dazu kommen zwei Diözesanpartnerschaften mit Masan (Südkorea, seit 1971) und Bom Jesus da Lapa (Brasilien, seit 2018) und viele Solidaritätsinitiativen, die in der "Entwicklungspolitischen Plattform der Steiermark" gebündelt werden. Ziel sei, oft schon über Jahrzehnte bestehende "Privatprojekte" in jüngere Hände zu übergeben, so Plattform-Sprecher Peter Possert-Jaroschka.
Quelle: kathpress