
Noch bis Herbst Arbeiten am Riesentor des Wiener Stephansdoms
Seit bald 800 Jahren führt das Riesentor Gläubige, Pilger und Touristen in den Wiener Stephansdom. Nach der letzten Restaurierung vor rund 30 Jahren bedarf der bedeutende romanische Eingangsbereich jetzt bis in den Herbst hinein erneut umfassender Pflegearbeiten - eine Notwendigkeit bei Bauwerken, die über Jahrzehnte hinweg Wind und Wetter ausgesetzt sind, wie Dombaumeister Wolfgang Zehetner im Interview der Nachrichtenagentur Kathpress (Mittwoch) erklärte. Besonders der am Riesentor verwendete Kalksandstein sei pflegebedürftig.
Sechseinhalb Millionen Stephansdom-Besucher im Jahr passieren das Portal, "das bei mittelalterlichen Kirchen immer eine besonders wichtige Funktion hat", so Zehetner. "Wenn man so will, ist im Inneren der Himmel, das Paradies, und außen ist die böse Welt." Wie bei vielen Kirchen fänden sich an Portalen und Wandmalereien darum Darstellungen des Jüngsten Gerichts. "Und die Botschaft ist natürlich: Wer beim Jüngsten Gericht besteht, der kommt ins Paradies, und die anderen bleiben draußen."
Das Riesentor des Stephansdoms sei interessant, weil sich dort bereits der Übergang von der Romanik zur Gotik finden lasse und es beide Stilrichtungen in sich vereine, erklärte der Dombaumeister. Die Apostelfiguren beispielsweise wurden in romanischem Stil vorgefertigt, dann aber umgebaut, damit sie in das gotische System passen. Die halbkreisförmigen Bögen im Inneren sind beispielhaft romanisch. Zu sehen seien auch nicht zwölf Apostel, sondern vierzehn Figuren. "Es sind die zwölf Apostel plus die vier Evangelisten - aber von denen waren zwei Apostel, so geht sich die Rechnung aus."
Restaurierung vor 30 Jahren war "bahnbrechendes" Pilotprojekt
Der Stephansdom als "Bauwerk für die Ewigkeit"? Mit solchen Zuschreibungen kann der seit Jahrzehnten für die ununterbrochen laufenden Erhaltungs- und Restaurierungsprojekte an der Kathedrale verantwortliche Dombaumeister nichts anfangen. "Ich mag die Aussage nicht, dass ein Bauwerk für die Ewigkeit gemacht ist. Das sind sie vielleicht nach menschlichem Maßstab, weil sie Generationen überdauern. Aber angesichts der Ewigkeit ist das trotzdem kurz."
Mit der umfassenden Restaurierung des Riesentors hat Zehetner vor 30 Jahren seine Arbeit als Dombaumeister von St. Stephan begonnen. Auch mit dem Wissen und den Augen von heute blickt er stolz auf die damaligen Arbeiten zurück. "Es war ein Pilotprojekt, bei dem wir gemeinsam mit dem Bundesdenkmalamt viel Neues eingeführt haben, um zu sehen, wie man anders restaurieren kann", so der Dombaumeister.
Dass man damals zum ersten Mal in Österreich ein Gebäude mit Laser gereinigt habe, sei "bahnbrechend" gewesen. "Dazu haben wir einen Prototypen aus Italien besorgt, um die schwarze Verkrustung an der Oberfläche des Steines zu reinigen, die bei Sandkalkstein - vereinfacht gesagt - eine Art Vergipsung durch die saure Atmosphäre ist." Mit einer "ziemlich raffinierten Konstruktion in Bleiblech, die aussieht wie ein Steingesims", wurde zudem das zuvor zu kleine Gesims vergrößert, um die darunter liegenden Figuren vor dem Regen zu schützen.
Dass die Hauptrestaurierung von vor 30 Jahren "nach wie vor nachhaltig ist und funktioniert", haben begleitende Untersuchungen ergeben. Aber es war auch klar, dass solche Maßnahmen nicht ewig halten, und "es ist natürlich für mich persönlich auch ein Schock, dass die 30 Jahre schon wieder um sind", sagte Zehetner. 2025 führte die Abteilung für Konservierung und Restaurierung des Bundesdenkmalamtes gemeinsam mit den Restauratorinnen Anna-Maria Tupy und Susanne Leiner eine umfassende Evaluierung der vor rund 30 Jahren am Riesentor gesetzten Restaurierungsmaßnahmen durch.
Fertigstellung im Spätherbst
Im laufenden Jahr 2026 wurden von der Dombauhütte bereits erste Maßnahmen zum Schutz des Riesentors umgesetzt. Bis Spätherbst werden die Arbeiten im Großen und Ganzen abgeschlossen sein, erklärte der Dombaumeister. Im Fokus stehen die Reduktion von Feuchtigkeits- und Salzschäden im Sockelbereich sowie zusätzliche Schutzmaßnahmen für ein besonders witterungsanfälliges ornamentales Gesims, um die romanische Originalsubstanz langfristig zu erhalten.
Ziel der Untersuchungen ist die Entwicklung eines fundierten Maßnahmenkonzepts für den langfristigen Erhalt des romanischen Portals, hieß es seitens des Bundesdenkmalamts. Die gewonnenen Erkenntnisse würden zugleich einen wichtigen Beitrag für den Forschungsschwerpunkt des Bundesdenkmalamtes zur Weiterentwicklung von Methoden und Grundlagen für die langfristige Evaluierung von Konservierungs-, Erhaltungs- und Restaurierungsmaßnahmen leisten.
Fachgespräch am 25. Juni
Beim von Bundesdenkmalamt und Dombauhütte St. Stephan veranstalteten Fachgespräch "Das Riesentor von St. Stephan. Evaluierung und Nachsorge 30 Jahre nach der Restaurierung" am Donnerstag im Curhaus am Stephansplatz werden die Geschichte der Restaurierungen, aktuelle Untersuchungsergebnisse und geplante Maßnahmen vorgestellt. Internationale Expertinnen und Experten präsentieren dabei vergleichbare Projekte und diskutieren aktuelle Fragen der Konservierung und Denkmalpflege im Umgang mit mittelalterlichem Kulturerbe.
Für Zehetner zeigen die aktuellen Untersuchungen, "wie wichtig eine kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung ist, um ihren langfristigen Erhalt zu sichern". Und abschließend: "Das Riesentor ist weit mehr als ein historisches Bauwerk - es bildet seit Jahrhunderten den spirituellen und architektonischen Eingang des Stephansdoms. Umso größer ist unsere Verantwortung, die wertvolle romanische Originalsubstanz zu bewahren."
Quelle: kathpress