
Exil-Venezolaner in Wien bangen um Angehörige und organisieren Hilfe
Angst, Ungewissheit und das bange Warten auf Lebenszeichen von Familie und Freunden prägen derzeit den Alltag vieler Exil-Venezolaner in Österreich. Unmittelbar nach den ersten Meldungen über die schweren Erdbeben in ihrer Heimat am Mittwochabend (Ortszeit) versuchten zahlreiche von ihnen, Angehörige telefonisch oder über soziale Medien zu erreichen. Während manche rasch Entwarnung erhielten, warteten andere stundenlang auf Nachrichten aus den besonders schwer betroffenen Regionen, zeigt ein Rundruf der Nachrichtenagentur Kathpress am Freitag in den spanischsprachigen katholischen Gemeinden in Wien. Dort gibt es auch bereits Gebete, Gottesdienste und erste Hilfsmaßnahmen für die Opfer.
Nach offiziellen Angaben kamen bei dem Doppelbeben der Stärke 7,2 und 7,5, das am Mittwochabend vor allem die Regionen La Guaira und Caracas erschütterte, mindestens 235 Menschen ums Leben, mehr als 1.500 wurden verletzt, wobei sich die Opferzahl stündlich erhöht. Zahlreiche Gebäude stürzten ein, Hunderte Menschen gelten weiterhin als verschüttet oder vermisst. Die UNO koordiniert inzwischen die internationale Hilfe, mehrere Staaten haben Rettungsteams und Hilfslieferungen entsandt.
Maria Andreina, die seit 17 Jahren in Österreich lebt, schildert die ersten Stunden nach den Erdstößen als eine Zeit zwischen Hoffnung und Angst. "Meine Mutter hat mich in den ersten Minuten alarmiert. Ich begann sofort, Informationen zu suchen und meiner Familie und meinen Freunden zu schreiben." Am schwierigsten sei das Warten auf Antworten gewesen. "Als schließlich Anrufe kamen, hörte ich, dass die Erde weiter bebte. Es war ein ständiger Wechsel zwischen Erleichterung und neuer Panik." Besonders schmerzhaft sei es gewesen, später von Todesopfern zu erfahren, darunter Bekannte ihrer Eltern. "Aus der Ferne ist das sehr schwer auszuhalten."
Die Lage vor Ort beschreibt sie als von Unsicherheit geprägt: Viele Menschen in La Guaira und Teilen von Caracas seien weiterhin nicht erreichbar, Kommunikationswege und Grundversorgung seien teils zusammengebrochen. "Was wir jetzt brauchen, sind Kraft, Einheit, Glaube und Hoffnung", so die dreifache Familienmutter.
Ähnlich erlebte Daniella die Katastrophe. Ihre Tochter habe sie am Freitag in den frühen Morgenstunden angerufen und informiert. Erst nach und nach habe sie erfahren, dass ihre Angehörigen - darunter ein Onkel in La Guaira - überlebt hätten. "Vielleicht kommen weitere Nachbeben. Vor allem hoffe ich, dass noch viele Menschen lebend gerettet werden können", sagt sie.
Gesundheitssystem seit Jahren geschwächt
Große Sorgen bereitet Daniella jedoch der schlechte Zustand der staatlichen Infrastruktur in ihrer Heimat, welcher die Bergungs- und Aufräumarbeiten sowie die Versorgung der Opfer erheblich erschwere. Rettungsdienste, Feuerwehren und Krankenhäuser seien seit Jahren unterfinanziert. "Vieles wird heute von den Menschen selbst getragen. Verletzte werden mit Motorrädern oder Privatfahrzeugen in Gesundheitszentren gebracht." Gerade diese gegenseitige Hilfe beeindrucke sie. "Die Solidarität der Bevölkerung ist enorm."
Auch Maria Altagracia verweist auf die dramatische Lage im venezolanischen Gesundheitswesen, die sich durch das Erdbeben weiter verschärft habe. "Viele Krankenhäuser verfügen nicht einmal über Grundlegendes. Wer eingeliefert wird, muss selbst das Verbandsmaterial mitbringen." Fachärzte hätten das Land infolge der schweren Versorgungskrise der vergangenen Jahre in großer Zahl verlassen, ganze Krankenhausabteilungen seien geschlossen. "Man sagt bei uns oft: Die Menschen kommen krank ins Krankenhaus und verlassen es tot." Umso wichtiger sei nun internationale Hilfe. Gleichzeitig beobachte sie mit Sorge, dass die Preise für lebensnotwendige Güter bereits stark anstiegen. "Es ist traurig, wenn Menschen die Not anderer ausnutzen."
Mehrere Befragte berichten zudem von eingestürzten Gebäuden, fehlender Strom- und Wasserversorgung sowie zahlreichen Menschen, die noch unter Trümmern vermutet werden. Besonders schmerzlich sei, dass vielerorts schweres Gerät und ausreichende Ausrüstung für Rettungseinsätze fehlten. Internationale Hilfsteams würden daher mit großer Hoffnung erwartet, unter anderem aus El Salvador und Spanien.
Zugleich betonen die Gesprächspartner gegenüber Kathpress immer wieder den Zusammenhalt der Bevölkerung. Nachbarschaften organisierten sich selbst, sammelten Lebensmittel und Medikamente und unterstützten die Rettungsarbeiten, wo immer dies möglich sei.
Gebet und Hilfsaktionen in Wien
Auch in Österreich hat die venezolanische Gemeinschaft längst begonnen, Unterstützung zu organisieren. Mehrere Befragte empfehlen, humanitäre Hilfe über kirchliche Einrichtungen wie die Caritas zu leisten, damit Spenden möglichst verlässlich bei den Betroffenen ankommen. Innerhalb der Diaspora würden derzeit Informationen über sichere Hilfswege gesammelt und weitere Aktionen vorbereitet.
Yunilda, die seit 39 Jahren in Österreich lebt, beschreibt die Katastrophe als persönlichen Schock. Nachdem sie erfahren habe, dass ihre Mutter und weitere Angehörige in Sicherheit seien, habe sie sofort Geld nach Caracas überwiesen. "Ich lebe gerne hier, aber ich bleibe Venezolanerin. Mein Herz ist dort." Am Tag nach dem Erdbeben betete sie gemeinsam mit anderen Venezolanern bei einem Gottesdienst in Wien-Floridsdorf für die Opfer. "Der Priester hat auch Venezuela erwähnt, was mich so gefreut hat und uns Hoffnung gegeben hat, dass noch viele Verschüttete gerettet werden können."
Der Wunsch, Hoffnung weiterzugeben, teilen alle Gesprächspartner trotz ihrer Betroffenheit. "Verliert die Hoffnung nicht. Ihr seid nicht allein", fasst Maria Andreina die Botschaft der venezolanischen Diaspora an ihr Land zusammen. Venezolaner auf der ganzen Welt überlegten derzeit fieberhaft, wie sie helfen können. Auch Daniela appelliert, den Glauben zu bewahren und gemeinsam zu handeln: "Wir beten, dass Venezuela sich wieder aufrichten kann."
Die Solidarität sei eine große Stärke des Landes, betonen mehrere der Gesprächspartner. Gerade in der Katastrophe zeige sich, dass Nachbarn einander helfen, Menschen mit ihren bescheidenen Mitteln spenden und die Gemeinschaft zusammenstehe. "Das ist das Schönste an Venezuela", sagt Daniella, "wir helfen einander."
Gottesdienste für Venezuela
Solidarisch im Zeichen der Hilfe und des Gebets für die Verstorbenen, Verletzten, Vermissten und ihre Angehörigen sind auch die spanischsprachigen katholischen Gemeinden Wiens, die für das Wochenende zu Gottesdiensten für Venezuela einladen. Den Auftakt bildet am Samstag um 18 Uhr eine Messe der Gemeinde St. Josef in der Karmeliterkirche in Wien-Leopoldstadt. Am Sonntag folgen Gottesdienste um 11.30 Uhr in St. Florian in Wien-Wieden, sowie um 12.30 Uhr in der Pfarre Maria Namen in Wien-Ottakring. Zugleich sind in mehreren Gemeinden Spendenaktionen angekündigt, die teils auch in der darauffolgenden Woche fortgesetzt werden sollen.
Quelle: kathpress