
Scheuer: Menschen mit Behinderung zeigen Würde jedes Lebens
Menschen mit Behinderung können nach den Worten des Linzer Bischofs Manfred Scheuer "Lehrer im Leben und im Glauben" sein. Bei der Malteser-Wallfahrt ins bayerische Altötting warnte Scheuer am Sonntag (19. Juli) davor, Menschen nach ihren Schwächen oder ihrer Leistungsfähigkeit zu beurteilen. Jeder Mensch besitze eine unverlierbare Würde, die nicht von Gesundheit, Erfolg oder gesellschaftlichem Nutzen abhänge, so der Bischof bei seiner Predigt in der St.-Anna-Basilika vor rund 1.000 Pilgern aus dem gesamten deutschen Sprachraum. Christen seien dazu gerufen, an diese Würde jenseits aller Defizite mit Worten und Taten zu erinnern.
Ausgehend vom biblischen Gleichnis vom Weizen und Unkraut rief Scheuer dazu auf, nicht über andere zu urteilen und zu sagen: "Du bist Unkraut, ein Schmarotzer, ein Schädling! Aus dir wird nichts! Du bist unbrauchbar". Die Geschichte habe gezeigt, welche Folgen Vorstellungen hätten, die zwischen "lebenswertem und lebensunwertem Leben" unterschieden und entsprechend selektierten, verwies Scheuer auf die unheilvollen Geschehnisse der NS-Zeit. Damals habe es eine "ökonomische Kosten-Nutzen-Rechnung im Hinblick auf Behinderte" gegeben.
Verkleinerte Menschlichkeit
Sorge äußerte der Bischof angesichts der Wahrnehmung einer zunehmenden "Unfähigkeit, im Menschen trotz Defizit und Behinderung etwas Liebenswertes zu sehen". Besonders deutlich komme dies zutage, wenn Ansprüche auf "Schadenersatz" erhoben würden, sobald behinderte Kinder zur Welt gebracht werden. Menschlichkeit werde dabei auf "Körperlichkeit, Oberfläche und Ästhetik" reduziert.
Statt als defizitär sollten Menschen mit Behinderung als "Menschen mit besonderen Fähigkeiten" gesehen werden, plädierte Scheuer. Die Idee ihrer Integration und Partizipation am gesellschaftlichen Leben habe einen "großen Fortschritt an Humanität" gebracht, sie sei dabei jedoch auch "näher am Umgang Jesu mit den Menschen". Das Maß an geglückter Entfaltung des Lebens sei individuell, wobei gelte: "Erfülltes, sinnvolles Leben ist nicht an den perfekten Körper, an Intelligenz, Reichtum und Erfolg gebunden."
Grund sei, dass die Würde des Menschen in der "Gotteskindschaft" und nicht in äußerer Perfektion ihr Fundament habe. Das Menschenleben sei "kein verfügbares Produkt, sondern stellt immer auch ein eigenständiges Gegenüber dar und hat unabdingbar den Charakter einer Gabe", betonte Scheuer.
Wichtige Impulsgeber
Gerade Wallfahrtsorte wie Altötting machten sichtbar, dass Menschen mit Beeinträchtigungen anderen wichtige Impulse geben könnten, so der Bischof. Sie zeigten einen "schöpferischen und beziehungsreichen" Umgang mit Grenzen vor, so Scheuer. Genau darin bestehe eine zentrale Herausforderung: mit "Stärken und Defiziten, mit Begabungen und Behinderungen, mit den Rosen und Neurosen" gut umzugehen und anzunehmen, was das Leben an Möglichkeiten und Begrenzungen mit sich bringe.
Auch auf ältere Menschen und Großeltern kam Scheuer zu sprechen und bezeichnete sie als wichtige Träger von Beziehung und Fürsorge. In jeder Lebensphase sei der Mensch ganz Mensch. Entscheidend sei nicht nur die Frage, was jemand nicht mehr könne, sondern auch: "Was kann ich erst jetzt?" Diese Perspektive einzunehmen, eröffnet neue Möglichkeiten, das eigene Leben und das Leben anderer wertzuschätzen.
Bei der 54. Altötting-Wallfahrt der Malteser pilgerten am Sonntag (19. Juli) Menschen mit und ohne Behinderung aus Bayern, Österreich und der Schweiz gemeinsam zur Muttergottes von Altötting. Seit 1970 organisiert der Malteser Hilfsdienst die Wallfahrt, bei der kranke und beeinträchtigte Menschen durch ehrenamtliche Begleiter unterstützt werden. Das Motto lautete diesmal "Transitus" - "Übergang", bezugnehmend auf den heurigen 800. Todestag des heiligen Franz von Assisi.
Quelle: kathpress