
Salzburger Disputationes: Erbarmen als Gegenentwurf zu Gewalt
Mit theologischen und kriminalpsychologischen Perspektiven auf das Thema Erbarmen haben die diesjährigen Disputationes im Rahmen der Ouverture Spirituelle der Salzburger Festspiele begonnen. Die dreitägige Gesprächsreihe, die bis Mittwoch dauert, steht heuer unter dem Leitwort "Miserere - Erbarmen. Vergebung. Erlösung". Zum Auftakt machten der Schweizer Kapuziner und Franziskusforscher Niklaus Kuster sowie der Kriminalpsychologe und Profiler Thomas Müller; unisono sprachen sie sich am Montag für Erbarmen als Haltung persönlicher Verantwortung und gesellschaftlichen Zusammenhalt aus.
Kuster stellte den heiligen Franz von Assisi als Vorbild einer "beherzten" Lebenshaltung vor. Statt von Barmherzigkeit spreche er lieber von einer Haltung, die Menschen dazu befähige, den Nöten anderer entschlossen zu begegnen. Auch Franziskus habe zunächst gelebt, "als ob es Gott nicht gäbe". Erst Kriegserfahrungen, Gefangenschaft und eine tiefe persönliche Krise hätten ihn verändert. Die Begegnung mit Aussätzigen sei schließlich zum entscheidenden Wendepunkt geworden. Der Nächste sei nicht der Mensch, den man sich aussuche, sondern jener, der einem begegne. Statt von "Umwelt" würde Franziskus deshalb von "Mitwelt" sprechen.
Der Kriminalpsychologe Müller stellte hingegen die Frage nach den Gründen für die Erbarmungslosigkeit der Menschen in den Fokus. Aus seiner jahrzehntelangen Arbeit mit Gewaltverbrechern wisse er, dass hinter extremer Gewalt häufig das Bedürfnis nach Respekt und Anerkennung stehe. Anknüpfend an Viktor Frankl betonte er die Bedeutung persönlicher Freiheit und Selbstverantwortung. Zwischen Reiz und Reaktion liege jener Freiraum, in dem sich menschliche Freiheit entscheide. Wer auf jede Kränkung unmittelbar reagiere, werde zum "Sklaven der eigenen Reaktionen". Sorge bereite ihm in diesem Zusammenhang die wachsende Abhängigkeit vieler Menschen von Likes und öffentlicher Bestätigung in sozialen Medien.
Disputationes
Die "Disputationes" im Rahmen der "Ouverture Spirituelle" haben sich seit ihrer Gründung im Jahr 2012 zu einem fixen Bestandteil der Salzburger Festspielsaison entwickelt. Sie verstehen sich "als intellektuelle Begleitung der Ouverture Spirituelle", erklärte dazu die Leiterin der Disputationes, Claudia Schmidt-Hahn am Montag im Rahmen der Eröffnung. Mehr als 140 Persönlichkeiten aus Religion, Kultur und Wissenschaft hätten bisher an der Reihe mitgewirkt. Auch Festspielintendantin Karin Bergmann bezeichnete die Disputationes als wichtigen Bestandteil der Ouverture Spirituelle. Die Gesprächsreihe ergänze das Konzert- und Theaterprogramm um eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dessen Themen.
Der Salzburger Erzbischof Franz Lackner erinnerte in seinem Grußwort an das 800. Todesjahr des heiligen Franz von Assisi, das 2026 begangen wird. Franziskus beschreibe seinen Glaubensweg als Geschenk göttlichen Erbarmens. Den entscheidenden Wendepunkt habe die Begegnung mit einem Aussätzigen markiert, der damals aus der Gesellschaft ausgeschlossen gewesen sei.
Der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg, Dietmar W. Winkler, verwies zur Eröffnung darauf, dass das Leitwort "Miserere" dem Beginn des 51. Psalms entnommen sei. Der Weg von Reue über Vergebung bis zur inneren Erneuerung finde sich in unterschiedlicher Ausprägung auch in anderen Religionen sowie in psychologischen und neurowissenschaftlichen Ansätzen.
Den Abschluss der Disputationes bildet am 22. Juli das Thema "Erlösung". Die evangelisch-lutherische Bischöfin Cornelia Richter spricht über Hoffnung, Zweifel und Leben als Dimensionen der Erlösung. Die Sozialneurowissenschaftlerin Tania Singer beleuchtet die neurobiologischen Grundlagen von Mitgefühl und Empathie. Die abschließende Diskussion wird von der Wissenschaftsjournalistin Elisabeth J. Nöstlinger-Jochum geleitet.
Quelle: kathpress