
Religionssoziologin: Politische Polarisierung verändert Religionen
Die politische Polarisierung, die sich im Erstarken rechter Parteien zeigt, hat auch verändernde Auswirkungen auf Religion und religiöse Gemeinschaften. Darauf hat die aus Innsbruck stammende Religionssoziologin Kristina Stoeckl hingewiesen. Wurde bis vor wenigen Jahren noch die Frage in den Mittelpunkt gerückt, welche Wirkung religiöse Einstellungen in der Politik bzw. auf Politik haben, so stelle sie in der Forschung heute eine Kehrtwende fest: "Politische Polarisierung verändert religiöse Gemeinschaften. Menschen suchen mitunter religiöse Räume auf, die ihren politischen Überzeugungen entsprechen. Politische Konflikte strukturieren religiöse Debatten neu", so Stoeckl in einem auf der Website der Österreichischen Akademie der Wissenschaften veröffentlichten Interview.
Für ihre eigene religionssoziologische Forschung bedeute diese Beobachtung eine Kehrtwende, erläuterte die Wissenschaftlerin, die als Professorin für Allgemeine Soziologie an der Universität LUISS in Rom forscht und lehrt: "Wir sollten nicht mehr nur untersuchen, wie Religion Politik beeinflusst. Ebenso wichtig ist die Frage, wie politische Konflikte Religion verändern, neue religiöse Akteure hervorbringen und religiöse Traditionen neu interpretieren. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass die christlichen Kirchen sich dagegen sperren, einfach nur ein rechtes Ideenreservoir zu sein."
Tatsächlich würden sich gerade Vordenker der amerikanischen Rechten wie Peter Thiel oder US-Vizepräsident James David Vance immer wieder auf christliche Motive und religiöse Argumente stützen, um daraus ihr Gegenmodell zum politischen Liberalismus zu entwickeln und zu stützen. In dem Maße nämlich, wie das Christentum mit "natürlichen Ordnungen, Hierarchien und traditionellen Rollenbildern" operiere, könne es Libertären wie Thiel ebenso wie neo-integralistischen Vertretern als Wurzelgrund einer "Ideologie für eine postliberale Welt" dienen, so Stoeckl.
Zu beobachten sei jedoch, dass sich speziell die katholische Kirche diesen Zugriffen immer häufiger verweigere, insofern sie seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) demokratische Ordnungen anerkenne, jeden "Führerkult" ablehne und auch die Bedeutung von Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde hervorhebe. "Im Vergleich zu autoritären Bewegungen wirkt sie [die katholische Kirche, Anm.] deshalb heute demokratischer, als viele erwarten würden." (Interview im Wortlaut: www.oeaw.ac.at/news/peter-thiel-jd-vance-und-co-warum-die-politische-rechte-das-christentum-neu-entdeckt)
Quelle: kathpress