
Jägerstätter-Gedenken heuer im Zeichen von Kriegstraumatisierungen
Am Wochenende fand in St. Radegund und Tarsdorf wieder das traditionelle internationale Jägerstätter-Gedenken statt. Im Zentrum des Programms standen Vorträge der Psychologin Pia Andreatta sowie des Bibelwissenschafters P. Dominik Markl. Den feierlichen Abschluss bildeten am Sonntag ein Gottesdienst mit P. Markl, gefolgt von einer Lichterprozession zur Grabstätte des seligen Franz Jägerstätter (1907-1943). Die Veranstaltung war heuer inhaltlich dem Thema Kriegstraumatisierung und der intergenerationellen Weitergabe von Traumata gewidmet.
Die Trauma- und Konfliktforscherin Andreatta von der Universität Innsbruck berichtete aus ihren Einsätzen bei akuten Krisenfällen für "Ärzte ohne Grenzen" in den unterschiedlichsten Krisenherden der Welt. Bei Kriegstraumata handle es sich fast immer um Extremtraumatisierung, sagte Andreatta. Diese bilde sich erst im Nachhinein von Kriegs- und Gewalterfahrungen voll aus, vor allem wenn keine ausreichenden Rahmenbedingungen für Prozesse der Trauer und Traumabewältigung vorhanden seien. Dafür könne es individuelle, familiäre, aber auch soziale und gesellschaftliche Gründe geben.
Verdrängte Traumata, unabgeschlossene Trauer und Verlustängste würden an die nächste Generation weitergegeben. Die Übertragung, so Andreatta, geschehe ungewollt über mehrere Prozesse, etwa aufgrund von Scham- und Schuldgefühlen gegenüber den eigenen Kindern, oder aufgrund des verlorenen Einfühlungsvermögens.
Für die Bewältigung erlittener Traumatisierung betonte die Referentin die Bedeutung des Sozialen, das häufig als sekundär gegenüber individuellen Therapieangeboten erachtet werde. Die Forschung zeige jedoch, dass der Umgang der Gruppe, der Gesellschaft etwa durch Formen der Anerkennung, der Würdigung, des Gedenkens, bei der Verarbeitung von Traumata bedeutsamer sei, als die Traumatisierung selbst. Schweigen und Verdrängen würden hingegen zur Vertiefung und generationsübergreifenden Weitergabe von Traumata beitragen.
Gewalt in der Bibel
Der Jesuit Markl, Professor für Bibelwissenschaft des Alten Testaments an der Universität Innsbruck, zeigte anhand der Geschichte des Vorderen Orients, dass extreme Erfahrungen von Gewalt die Entstehung der biblischen Schriften und ihrer Theologie prägten: Die große Geschichtserzählung des Alten Testaments von der Genesis bis zum 2. Buch der Könige endet mit der Zerstörung Jerusalems 587 v. Chr.
Die Bücher Jeremia, Ezechiel, Klagelieder etc. seien wesentlich von der Bearbeitung der babylonischen Gewalt geprägt, und das Trauma der Zerstörung des Tempels hätte wesentlich Einfluss auf die Entwicklung des Monotheismus gehabt. Viele Texte bearbeiteten Gewalterfahrungen, manche beinhalteten problematische Gewaltfantasien, wie den göttlichen Befehl, die kanaanäischen Völker zu vernichten. Aber trotz der Gewalterfahrung, so Markl, entwickelten die biblischen Schriftsteller eine universale Schöpfungstheologie, die die Gleichheit aller Menschen vor Gott herausstellt und zu einem Ethos der Empathie und Rettung Leidender motivieren.
Der Referent brachte diesen bibeltheologischen Befund in Bezug zur Geschichte von Leokadia Justman (1922-2002), einer polnischen Holocaust-Überlebenden. Sie entkam dem Warschauer Ghetto, der Deportation nach Treblinka, dem Kleinen Ghetto von Piotrków, dem Innsbrucker Polizeigefängnis und vielen weiteren Bedrohungen ihres Lebens. Ihre Mutter Sophie wurde in Treblinka ermordet, ihr Vater Jakub im Innsbrucker KZ Reichenau. In ihren beeindruckenden Erinnerungen, die sie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg auf Polnisch und später auf Englisch niederschrieb, findet sich das biblisch orientierte Friedensethos wieder: Vor Gott sind alle Menschen gleich, daher muss die Menschheit nach Frieden streben.
100 Teilnehmende bei Gedenken
Das internationale Gedenken, das 1983 von der Jägerstätter-Biografin Erna Putz initiiert wurde, wird seit 2008 von Pax Christi in Kooperation mit der Pfarre St. Radegund organisiert. Ursula Teiß-Mederer und Georg Haigermoser von Pax Christi konnten zu der Veranstaltung rund 100 Gäste aus Österreich, Italien und Deutschland begrüßen; darunter Josef Esterbauer, Bürgermeister von St. Radegund, Wolfgang Palaver, Präsident von Pax Christi, Max Mittendorfer, Vorsitzender des Jägerstätter-Beirates der Diözese Linz und Andreas Schmoller, Leiter des Jägerstätter-Instituts an der Katholischen Privat-Universität Linz. Zu den jüngeren Teilnehmenden zählte eine Pilgergruppe, die sich entlang einer achttägigen Pilgerroute vom Attersee nach St. Radegund mit Jägerstätter und Themen der Friedensethik beschäftigte.
Den Abschluss fand das jährliche Jägerstätter-Gedenken mit einem Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Radegund und einer Lichterprozession zum Grab von Franz und Franziska Jägerstätter, an dem auch zwei Jägerstätter-Töchter und zahlreiche weitere Mitglieder der Familie teilnahmen.
Franz Jägerstätter
Der Innviertler Landwirt und Familienvater Franz Jägerstätter (20. Mai 1907 - 9. August 1943) hatte sich aus Glaubensgründen geweigert, mit der Waffe für das Nazi-Regime in den Krieg zu ziehen. Daraufhin wurde er vom Reichskriegsgericht in Berlin wegen "Wehrkraftzersetzung" zum Tod verurteilt und vor 80 Jahren, am 9. August 1943, in Brandenburg an der Havel durch Enthauptung hingerichtet.
Am 7. Mai 1997, 54 Jahre nach Jägerstätters Hinrichtung, wurde vom Landgericht Berlin das Todesurteil gegen ihn aufgehoben. Die Aufhebung kommt einem Freispruch gleich und bedeutet moralische und juristische Rechtfertigung seiner Handlung.
Nach Unterstützung durch die Österreichische Bischofskonferenz, eine historisch-theologische Kommission und das Linzer Domkapitel wurde 1997 offiziell der Seligsprechungsprozess für Franz Jägerstätter eröffnet, am 21. Juni 2001 auf diözesaner Ebene abgeschlossen und die Akten der Selig- und Heiligsprechungskongregation übergeben. Postulator des Seligsprechungsverfahrens war Manfred Scheuer, damals noch Bischof von Innsbruck. Der Vatikan bestätigte am 1. Juni 2007 offiziell das Martyrium von Franz Jägerstätter. Die Seligsprechung erfolgte am 26. Oktober 2007 unter Bischof Ludwig Schwarz im Linzer Mariendom. Der liturgische Gedenktag des Seligen Franz Jägerstätter ist sein Tauftag, der 21. Mai.
Quelle: kathpress