
Astrophysiker: Bin ziemlich sicher, dass es etwas Transzendentes gibt
Glaube und Wissenschaft schließen einander für den Wiener Astrophysiker Franz Kerschbaum nicht aus, wie er im Interview für die St. Pöltner Kirchenzeitung "Kirche bunt" (aktuelle Ausgabe, 12. August) ausführlich darlegte. Persönlich sei er von "etwas Transzendentem" überzeugt, freilich sei das keine Agenda der Wissenschaft. Zur Frage, ob man Gottes Spuren besonders im Weltraum finden kann, meinte Kerschbaum: "Nicht mehr im Weltraum als auf der Wiese. Nicht mehr, und auch nicht weniger. Man kann schon für sich - in einer persönlichen Entscheidung - Indizien dafür finden, dass es mehr gibt als diese materielle Welt. Aber ich würde sagen, mindestens ebenso sehr entdecke ich Gott im Du als in die Sternen."
Er könne in der Natur sehr gut über sich selbst nachdenken: "Es gibt für mich nichts Schöneres als am Rücken zu liegen und in die Sterne hinaufzuschauen. Dabei denke ich mehr über mich nach als über die Sterne. (...) Da kann man Spuren entdecken - aber nicht über die naturwissenschaftliche Ratio, den Intellekt. Ich staune über die Schönheit. Das bewegt mich tief - aber nicht in einem rationalen Sinn." Persönlich sei er sich ziemlich sicher, "dass es etwas Transzendentes gibt. Ich habe das Gefühl, dass uns etwas trägt, dass das Ganze eine Grundlage hat".
Die Feinabstimmung der Physik sei zwar kein Gottesbeweis, für manche aber zumindest ein Indiz, so der Astrophysiker weiter: "Wir haben Gesetze in der Physik, die Kernkräfte, die bewirken, dass die Welt funktioniert. Und dass die Welt so ist, dass es uns gibt." Wenn man manche Konstanten nur ganz leicht ändern würde, könnte kein Kohlenstoff bei der Kernfusion entstehen. Und Kohlenstoff bedeute Leben: "Das ganze Universum ist so gebaut, dass Kohlenstoff und damit Leben entsteht. Aber dass es so geschaffen ist, damit der Mensch entsteht - das kann man als Naturwissenschaftler nicht behaupten." Mit anderen Worten "Natürlich sind wir das Produkt von zahlreichen Kausalzusammenhängen. Aber sie könnten das auch Zufall nennen."
Zu Sinnfragen könne die Wissenschaft nichts beitragen: "Was ist der Sinn des Lebens? Woher kommt das Ich-Bewusstsein? Gibt es einen freien Willen?" Für ihn, so der Astrophysiker, sei es "tröstlich zu glauben, dass das, was mich ausmacht, einen Ur-Grund hat. Vielleicht ist der Seelengrund das Göttliche überhaupt."
Suche nach Ordnung im Chaos
Zur Frage, weshalb sich auch die Kirche bzw. Religionen immer schon für die Astronomie interessierten, meinte Kerschbaum: "Ich denke, die Menschheit hat immer nach Ordnung im Chaos der Welt gesucht und sie in den Gesetzmäßigkeiten des Himmels, der Sterne und Planeten, gefunden. Das Einzige, was berechenbar war, war der Himmel." In diesem Bereich würden deshalb auch sicher die ersten Zugänge zu Transzendenz liegen. Himmelsphänomene würden in der Bibel des Öfteren dazu verwendet, die Allmacht Gottes zu zeigen, der Gesetze außer Kraft setzen kann.
Die katholische Kirche brauchte die Astronomie u. a. für die Festlegung des Osterfestes. Die Bestimmung dieses Zeitpunkts sei eine ganz komplizierte astronomische Angelegenheit. Die Gregorianische Kalenderreform habe dann den Zeitpunkt des Osterfestes präzisiert. Das weitere Interesse an der Astronomie habe schließlich mit der Aufklärung zu tun. An den Universitäten seien die Naturwissenschaften groß geworden, und die Jesuiten spielten hier eine bedeutende Rolle. So seien etwa auch an der Universität Wien im 18. Jahrhundert rund die Hälfte der Professoren Jesuiten gewesen.
Auf die Klimakrise angesprochen sagte Kerschbaum, dass es über den Einfluss des Menschen keinen Zweifel gebe: "Welche Schlüsse ziehen wir aus diesen Erkenntnissen? Wollen wir das ändern oder ist uns das egal?" Es sei "sehr schade um unseren Planeten Erde und ich sorge mich um das Leben meiner Kinder und Kindeskinder". Denn: "Wir Menschen können uns selbst umbringen. Vor allem vor einer klimabedingten Massen-Migration habe ich Angst. Die Menschen flüchten, weil man nicht mehr leben kann, wo man jetzt lebt."
(Interview im Wortlaut: www.kirchebunt.at)
Quelle: kathpress