
Franziskaner-Provinzial: Franziskus bleibt radikales Gegenmodell
800 Jahre nach dem Tod des Ordensgründers Franz von Assisi (um 1181-1226) sieht der österreichische Franziskaner-Provinzial P. Fritz Wenigwieser dessen Spiritualität weiterhin als Gegenmodell zu einer von Beschleunigung und Krisen geprägten Welt. Franziskus sei nicht als fertiger Heiliger vom Himmel gefallen, sondern habe sich als Mensch entwickelt und sei an seinen eigenen Widersprüchen gereift, sagte Wenigwieser im Interview mit Kathpress (Donnerstag). "Er war, unter Anführungszeichen, auch größenwahnsinnig", so der Ordensmann. Gerade sein persönlicher Entwicklungsweg mache Franziskus bis heute interessant.
Für hochaktuell halte er vor allem den Umgang des Ordensgründers mit Angst, Krankheit und Schmerz, so P. Wenigwieser. Franziskus habe zunächst einen großen Bogen um Aussätzige gemacht, bevor er sich einem von ihnen zuwandte und ihn umarmte. Auch den Sonnengesang habe er trotz Blindheit und schwerer Krankheit verfasst. In einer Gesellschaft, die Krankheit und Tod vielfach verdränge, könne Franziskus zeigen, "dass ein Lebensentwurf auch zu Ende gehen darf".
Wenigwieser warnt zugleich vor einem allzu romantischen Franziskusbild. Der Ordensgründer werde heute mit Frieden, Umweltschutz, Tieren und sozialer Gerechtigkeit verbunden, wobei seine radikalen Seiten oft ausgeblendet würden. Franziskus habe etwa verlangt, dass seine Brüder kein Geld berühren und möglichst ohne festen Besitz und Wohnsitz leben. "Wenn man Franziskus wirklich ernst nimmt, ist das heute fast schon verrückt", erklärt der Provinzial.
Radikale Armut auch heute möglich
Gerade darin sieht Wenigwieser eine Herausforderung für die heutigen Franziskaner. In Europa bestehe die Gefahr einer "Verbürgerlichung", wenn Ordensleute in Schulen, Krankenhäusern und Pfarren letztlich dieselben Aufgaben erfüllten wie andere. Franziskaner müssten ein alternatives Lebensmodell sichtbar machen. Es gehe nicht darum, sich aus der Welt zurückzuziehen, sondern "anders in dieser Welt" zu leben und Verantwortung zu übernehmen.
Radikale Armut hält Wenigwieser auch heute für möglich. Er verweist auf Erfahrungen in der Gemeinschaft in Pupping, wo Brüder handwerkliche Fähigkeiten nutzten, Betriebskosten niedrig hielten und teilweise von selbst Angebautem oder von Nachbarn Gegebenem lebten. Voraussetzung seien allerdings ein hohes Bewusstsein und ein starker Glaube. Franziskanische Armut bedeute zudem mehr als das Teilen des eigenen Überschusses. Sie stelle die Frage, wie man mit Menschen in Not umgehe: ob man nur Geld gebe oder auch Zeit, Nähe und Gastfreundschaft.
Anlässlich des Gedenktags der heiligen Klara am 11. August hebt Wenigwieser deren eigenständigen Weg hervor. Klara habe nicht einfach Franziskus nachgeahmt, sondern Christus auf ihre eigene Weise radikal nachfolgen wollen. Dass sie gegen damalige kirchliche Vorgaben auf einer eigenen Ordensregel und dem "Privileg der Armut" bestand, mache sie zu einer für ihre Zeit ungewöhnlich selbstständigen Frau. In Österreich gibt es heute noch ein Klarissenkloster in Brixen.
An "Bruchstellen der Welt" präsent sein
Die Vielfalt der franziskanischen Gemeinschaften sieht Wenigwieser als Stärke. Neben Franziskanern, Minoriten und Kapuzinern gehören auch Klarissen und zahlreiche Laiengemeinschaften zur franziskanischen Familie. Zugleich müsse das hohe Ideal sichtbar bleiben. Franziskaner sollten an den "Bruchstellen der Welt" präsent sein. Für die Zukunft der Klöster kann sich Wenigwieser auch offene geistliche Zentren vorstellen, in denen Menschen Gebet, Arbeit und Gemeinschaft erleben können, ohne selbst Ordensmitglieder werden zu müssen.
Auch junge Menschen seien weiterhin an der franziskanischen Lebensweise interessiert. Eine große Jugendbewegung wie in Italien gebe es in Österreich zwar nicht, doch Schulen in Hall und Bozen, Wallfahrten und europäische Projekte böten Möglichkeiten für Jugendarbeit. Zudem beginnen im September fünf Postulanten ihre Ausbildung in Telfs.
Vom aktuellen Franziskus-Jubiläum wünscht sich Wenigwieser nachhaltige Impulse. Ausstellungen, Vorträge, Symposien und weitere Veranstaltungen machten die franziskanische Tradition neu erfahrbar. Entscheidend sei, was danach bleibe. "Es braucht dieses kritische, alternative Potenzial, das Franziskus aus seinem Glauben heraus gelebt hat", betonte der Provinzial. Franziskaner würden auch 2026 gebraucht, wenn sie aufzeigten, dass ein anderes Leben möglich ist.
(Website Franziskaner Österreich & Südtirol: https://franziskaner.at)
Quelle: kathpress