
Glettler: Theater "Schwabenkinder" eine "Erinnerung und Mahnung"
Als "herzhaft engagiertes, trauriges, berührendes Theater" hat der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler das Stück "Die Schwabenkinder" auf der Geierwally-Freilichtbühne im Tiroler Lechtal gewürdigt. Das Theater sei zugleich "Erinnerung und Mahnung" und stehe für "Solidarität mit Kindern weltweit", postete Glettler am Montagabend nach dem Besuch einer Aufführung auf Instagram. Besonders gratulierte er den jugendlichen Darstellerinnen und Darstellern. Das Stück von Claudia Lang-Forcher habe auch 30 Jahre nach seiner Uraufführung "nichts an Kraft und Tiefgang verloren".
Grundlage des Bühnenstücks sind historische Recherchen sowie mündliche Berichte ehemaliger Schwabenkinder. Lang-Forcher war nach eigenen Angaben auch durch ihre eigene Mutter geprägt, die zu den letzten Schwabenkindern gehörte. "Das Thema 'Schwabenkinder' berührte mich schon seit meiner Kindheit", erklärte die Autorin. Heute tue es ihr leid um "jede Geschichte, die ich nicht gehört habe".
Wanderungen und Kindermärkte
Als Schwabenkinder wurden seit dem 17. Jahrhundert Kinder und Jugendliche aus Tirol, Vorarlberg, Südtirol und der Schweiz bezeichnet, die im Frühjahr zu Fuß über die Alpen nach Oberschwaben zogen. Dort wurden sie auf sogenannten Kindermärkten als Hütekinder, Mägde oder Knechte an Bauern vermittelt. Häufig waren die Kinder zwischen sechs und 14 Jahre alt. Die Armut der kleinbäuerlichen Familien ließ ihnen vielfach keine andere Möglichkeit, zum Familieneinkommen beizutragen.
Die Arbeit dauerte in der Regel bis zum Herbst. Als Lohn erhielten die Kinder oft nur Kleidung und einen geringen Geldbetrag. Schätzungen zufolge waren zeitweise jährlich 5.000 bis 6.000 Kinder betroffen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es entsprechende Wanderbewegungen. Erst die Einführung der allgemeinen Schulpflicht auch für ausländische Kinder in Württemberg 1921 ließ die traditionelle Schwabengängerei weitgehend zum Erliegen kommen.
20 Aufführungen mit je 600 Zusehern
Die Geierwally-Freilichtbühne in Elbigenalp wurde 1993 eröffnet und ist in eine Felslandschaft der Bernhardstalschlucht eingebettet. Die "Schwabenkinder" wurden dort 1996 uraufgeführt und später mehrfach wiederaufgenommen, heuer zum insgesamt dritten Mal. Die letzten drei der insgesamt 20 Vorstellungen in dieser Saison sind diese Woche noch ausständig, bisher kamen jeweils rund 600 Gäste.
Das Theaterstück von Lang-Forcher zeichnet am Beispiel einer Lechtaler Großfamilie das Schicksal von Kindern nach, die aus wirtschaftlicher Not zur Arbeit ins Ausland geschickt wurden. Im Mittelpunkt steht unter anderem der Gewissenskonflikt einer Mutter, die entscheiden muss, ob sie ihr Kind aus der Armut zurückholt oder ihm durch eine dauerhafte Aufnahme im Schwabenland bessere Lebens- und Bildungschancen ermöglicht.
Bleibende Aktualität
Begleitend zur Wiederaufnahme des Theaterstücks zeigt die Wunderkammer Elbigenalp noch bis 17. Oktober die Sonderausstellung "D' Lecht'ler Schwåbakind - Schwabenkinder einst - Straßenkinder heute". In Kooperation mit der Hilfsorganisation Jugend Eine Welt und der Fachschule für Kunsthandwerk und Design stellt die Ausstellung den historischen Erfahrungen der Schwabenkinder die Situation von Kindern gegenüber, die heute weltweit unter Armut, Ausbeutung und fehlenden Bildungschancen leiden.
Nach Angaben der Ausstellung müssen weltweit rund 138 Millionen Minderjährige arbeiten. Jugend Eine Welt sieht in heutigen Straßenkindern "die Schwabenkinder unserer Zeit" und setzt auf Bildung, Ausbildung und Schutz vor Ausbeutung. Angekündigt ist zudem für 17. September ein Vortrag von Siegfried Laferton über ein Schwabenkinderjahr. (Infos: www.jugendeinewelt.at/schwabenkinder)
Quelle: kathpress