
Bischof Glettler: Lebensschutz nicht politisch vereinnahmen
Der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler hat vor jedweder politischen Vereinnahmung des Lebensschutzes, sei es von rechter oder linker Seite, gewarnt. Gegenüber der Wochenzeitung "Die Furche" (Dienstag; online) zeigte sich der Bischof besorgt, "dass Vereinigungen, die sich für einen umfassenden Lebensschutz einsetzen, von rechtspopulistischen bis hin zu rechtsextremen Parteien vereinnahmt bzw. unterwandert werden", wie er auf Anfrage festhielt.
Glettler hatte sich Anfang August mit einem schriftlichen Grußwort an die Teilnehmenden einer "Jugend für das Leben"-Kundgebung in Innsbruck gewandt und schon darin betont, dass Lebensschutz nicht zu einer ideologischen oder parteipolitischen Frage werden dürfe. Er sei überzeugt, dass die Mehrzahl der Mitglieder von "Jugend für das Leben" keinen rechtspopulistischen Hintergrund hat. Mit dem Vereinsvorstand sei er im Gespräch, fügte Glettler hinzu.
Der Hintergrund: Anfang August berichtete "Der Standard" über eine Verbindung des Vereins "Jugend für das Leben" zu extrem rechten politischen Gruppen und Akteuren. So ist der Vorsitzende Frederik Koller AfD-Gemeinderat im oberbayerischen Altomünster und die Pressesprecherin von "Jugend für das Leben", Natalie Walch, nahm gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem FPÖ-Politiker Fabian Walch, am Sommerfest des Antaios-Verlags in Schnellroda in Sachsen-Anhalt teil. An dem Fest auf dem "Rittergut" des bekannten deutschen neurechten Ideologen Götz Kubitschek war u. a. auch der österreichische Chef der rechtsextremen Identitären Bewegung, Martin Sellner, zugegen.
Bischof Glettler kritisierte gegenüber der "Furche" aber genauso auch den Kampf für ein "Recht auf Abtreibung", der vom linken Politspektrum vorangetrieben werde. Auch dieser Tendenz trete er entschieden entgegen. Für oder gegen die Abtreibung zu sein, werde als politischer Köder ausgelegt. "Lebensschutz ist aber weder rechts noch links. Er darf nicht zum Vehikel für ideologische Lagerbildung oder gar zur politischen Waffe gegen Andersdenkende werden", so Glettler. Stattdessen müsse er endlich entpolitisiert und entideologisiert werden, damit die Frauen, Familien, Kinder und alle Menschen im Zentrum stehen, die in schwierigen Situationen Unterstützung brauchen.
Bischof Glettler hielt im Blick auf die "Jugend für das Leben" zudem fest, dass diese zwar seit 1999 als private kirchliche Vereinigung von der Österreichischen Bischofskonferenz anerkannt ist, der Verein aber nicht im amtlichen Auftrag oder Namen der Kirche handle.
Welle der ideologischen Eskalation
"Rechtspopulistische bis rechtsextreme Kreise suchen mittlerweile auch in Europa aktiv den Schulterschluss mit Kirchen und Gläubigen", erklärte die Innsbrucker katholische Theologin Michaela Quast-Neulinger im Gespräch mit der "Furche". Ausgehend von den USA würden die "Kulturkriege" gezielt nach Europa exportiert und so eine Welle der ideologischen Eskalation vorantreiben. "Familie, Leben, Kinder sind die Angriffspunkte, mit denen Stimmung gemacht wird", so Quast-Neulinger. Wichtig sei es, zu verstehen, dass die Suche nach einem Kompromiss für diese Gruppierungen nicht im Vordergrund stehe. "Es gibt nur Freund oder Feind, Gut oder Böse", so die Theologin.
Gerade für den Bereich der Lebensethik sei das aber fatal, deswegen gelte es genau hinzusehen und klare Unterscheidungen zu treffen, so Quast-Neulinger: "Christlicher Lebensschutz heißt einzutreten für das Leben aller, vom Anfang bis zum Ende, ohne Differenzierung von Rasse, Klasse, Religion, Nation, Sexualität." Klar sei deswegen, dass "völkischer Nationalismus und christlicher Lebensschutz nicht zusammengehen", hielt die Wissenschaftlerin fest.
Wie Bischof Glettler kritisierte auch Quast-Neulinger, dass gegenwärtig jeglicher Einsatz für das Leben politisch instrumentalisiert werde. Für extrem konservative wie progressive Gruppen stehe nicht die konkrete Lebenssituation von Betroffenen im Zentrum, sondern die Überlegung, wie bestmöglich Stimmung gemacht und die Diskussion noch weiter verschärft werden kann. Quast-Neulinger: "Es bleibt dann nur noch 'Pro-Life' oder 'Pro-Death', während die differenzierte Mitte ausgehungert wird."
Auch am anderen Ende des Spektrums gebe es, ebenfalls ausgehend von den USA, problematische Entwicklungen. So erlaube etwa der US-Bundesstaat Massachusetts seit kurzem Abtreibungen nach der 24. Woche, und Firmen wie "Orchid" aus dem Silicon Valley böten offensiv Screenings an, um "minderwertige" Embryonen zu selektieren. "Nicht die Heilung einer möglichen Krankheit steht hier im Fokus, sondern die Tötung des Embryos, der möglicherweise Diabetes oder eine Augenerkrankung entwickelt oder nicht 'intelligent' genug wird", kritisierte Quast-Neulinger.
Quelle: kathpress