
Experte: Religionsunterricht braucht Authentizität und Geradlinigkeit
Wenn es darum geht, jungen Menschen Religion näherzubringen, sind Authentizität und Geradlinigkeit essenziell. Das hat der St. Pöltner Religionslehrer und frühere Präsident der Katholischen Aktion, Armin Haiderer, im Interview mit den "Niederösterreichischen Nachrichten" (NÖN) betont. "Jugendliche merken sehr schnell, ob man dahintersteht", so der Theologe, der seit 19 Jahren Religion unterrichtet. Gerade bei Religion hätten junge Menschen kein Problem mit anderen Meinungen. "Man darf den ehrlichen und wertschätzenden Disput nicht grundsätzlich fürchten."
Bei der Vermittlung ist Haiderer aber auch wichtig, alles immer wieder kritisch zu hinterfragen. "Freilich auch die eigene Religion. Gerade aber aktuelle gesellschaftliche Strömungen - egal in welche Richtung." Basis bleibe stets die Lehre der Kirche.
Haiderer arbeitet derzeit mit der St. Pöltner Theologin Caroline Köhler-Pitzinger und dem Tiroler Religionspädagogen Clemens Danzl an einem neuen Schulbuch für den Religionsunterricht für die AHS-Oberstufe und Berufsbildende Höhere Schulen. Über das Projekt gab er gegenüber den NÖN und der St. Pöltner Kirchenzeitung "Kirche bunt" Auskunft. Das erklärte Ziel der Autoren ist es demnach, komplexe religiöse, ethische und gesellschaftspolitische Fragestellungen für junge Menschen im Alter von 14 bis 19 Jahren verständlich, lebensnah und praxisorientiert aufzubereiten. Das Endprodukt soll ein "sachlich absolut verlässliches, katholisches Lehrbuch" werden, das den Ansprüchen einer pluralen Gesellschaft gerecht wird.
Hinter der Konzeption steckt auch eine realistische Analyse der aktuellen Entwicklung im Lehrberuf. "Künftig wird es immer mehr semi-ausgebildete Religionspädagogen an den Schulen geben - so ehrlich muss man in der aktuellen Personalsituation einfach sein. Und genau diese Lehrkräfte brauchen ein theologisch verlässliches, strukturiertes und modernes Buch, mit dem sie praktisch und ohne extrem langen Vorbereitungsaufwand in der Klasse arbeiten können", erklärte Haiderer gegenüber "Kirche bunt" die tieferen Hintergründe.
Bei vielen tiefgründigen Glaubensthemen könne man heute kein theologisches Vorwissen mehr voraussetzen; man müsse sowohl die Pädagogen als auch die Schüler dort abholen, wo sie in ihrer Lebensrealität stehen. Da Schulbücher durch ihre jahrelange Nutzung Generationen von jungen Menschen in ihrer Wertebildung prägen, sei die Berufung in die Autorenschaft eine "unglaubliche Ehre und eine bleibende Verantwortung zugleich", so Haiderer und Köhler-Pitzinger.
Lehrbuch mit digitalen Zusatzangeboten
Der Fahrplan für das Erscheinen der neuen Werke steht bereits fest: Der erste Band wird im Schuljahr 2028/29 in ganz Österreich für die ersten Klassen der Oberstufe eingeführt. Die übrigen Bände folgen jeweils ein Jahr später, bis die gesamte Oberstufe abgedeckt ist. Auf das Autorenteam wartet arbeitsintensive Zeit, da die Bücher nicht nur textlich überzeugen müssen, sondern auch grafisch und medial neu gedacht werden. Geplant ist eine zeitgemäße Verknüpfung von Lehrbuch mit digitalen Zusatzangeboten wie passgenauen Podcasts und interaktiven QR-Codes für den Unterricht. Gleichzeitig muss der neue Lehrplan eingearbeitet werden. Damit auch im wissenschaftlichen Detail alles fehlerfrei sitzt, holt sich das Team zusätzlich die Expertise von renommierten Theologen ein.
Zur Frage nach dem Stellenwert der Bibel im Religionsunterricht meinte der Religionspädagoge gegenüber den NÖN: "Religionsunterricht ohne Bibel wäre wie Niederösterreich ohne NÖN: Möglich, aber nicht sehr sinnvoll. Die Bibel ist nicht umsonst das bedeutendste Buch der Menschheitsgeschichte." Allerdings sei sie nicht ganz ungefährlich, weil man einzelne Stellen schnell aus dem Kontext reißen könne. "Sehr wichtig ist es, Umfeld und Bedeutung der Texte zu vermitteln, dann sparen wir uns Triggerwarnungen und begeben uns nicht in Gefahr, manche Texte zu wortwörtlich zu nehmen."
Dialogisches zentral
Auch andere Glaubensgemeinschaften und der Atheismus würden im Religionsunterricht nicht ausgespart. "Wir haben uns im katholischen Religionsunterricht immer schon mit anderen Glaubensgemeinschaften beschäftigt. Informativ, wertschätzend, aber freilich immer auf Basis unserer eigenen Religion", so Haiderer. Dieses Dialogische müsse es unbedingt weiter geben. Auch mit dem Atheismus müsse man sich gründlich beschäftigen - außer dem militanten.
Innerkatholische Strömungen würden den Jugendlichen hingegen kaum etwas sagen, seien eher Insiderthemen, räumte der Religionspädagoge ein: "Aktuelle gesellschaftspolitische Strömungen und Diskussionen hingegen sind sehr oft Thema. Diese müssen - wie gesagt - weiter Platz haben sowie kritisch hinterfragt werden."
Die Religionsbücher von Haiderer und seinem Team erscheinen im Tyrolia-Verlag. Ein zweites, in Graz ansässiges Team, arbeitet gemeinsam mit dem Styria-Verlag an einer alternativen Linie. Damit entstehe eine moderne und qualitätsvolle Auswahl für den Religionsunterricht in ganz Österreich, wie es heißt.
Quelle: kathpress