
"Stadt des Miteinanders": Wiener Bürgermeister setzt auf Religionen
Die Bedeutung der Religionen für das gesellschaftliche Miteinander in der Stadt Wien hat Bürgermeister Michael Ludwig hervorgehoben. Im Interview mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" (aktuelle Ausgabe; Donnerstag) und "radio klassik Stephansdom" sagte Ludwig, er sei ein religiöser Mensch: "Ich bin ein Mensch, der auch zweifelt und um den eigenen Glauben ringt. Aber ich denke, es macht Sinn, sich auch mit Themen zu beschäftigen, die über unsere Endlichkeit hinausgehen, und von daher sehe ich mich nicht nur als religiösen Menschen, sondern ich bin ja auch Teil der katholischen Kirche und nutze meine Funktion als Wiener Bürgermeister auch, um alle Religionsgemeinschaften in Wien zu organisieren."
Ludwig verwies auf den von ihm eingerichteten Wiener Religionsrat. Er sei sehr dankbar, "dass auch Kardinal Schönborn hier sehr aktiv mitgewirkt hat, um deutlich zu machen, dass wir eine Stadt des Friedens, des Miteinanders sind und wir über Religionsgrenzen hinweg zusammenarbeiten wollen". Das gelinge in Wien deutlich besser als in anderen Teilen der Welt.
Der SPÖ-Bürgermeister zeigte sich zudem zuversichtlich, die sehr gute Zusammenarbeit, die er mit Schönborn hatte, nun auch mit dem neuen Wiener Erzbischof Josef Grünwidl fortzusetzen. Und er sei "sehr zuversichtlich, dass gerade auch durch diese besondere Menschlichkeit, für die Erzbischof Josef Grünwidl steht, es gelingen wird, viele Menschen anzusprechen, sich im Rahmen der katholischen Kirche zu engagieren".
Auf Dompfarrer Toni Faber angesprochen, sagte Ludwig, dass ihn mit diesem vor allem das Bemühen verbinde, "Menschen für die katholische Kirche zu interessieren, die vielleicht sonst dieses Interesse über den traditionellen religiösen Weg nicht finden würden". Es sei die Stärke des Dompfarrers, "dass er das Standbein in der katholischen Kirche hat, aber das Spielbein in Teilen der Gesellschaft, die vielleicht sonst nicht so für die katholische Kirche erreichbar sind". Es sei immer sinnvoll, "dass man beides miteinander verbindet, denn wir wollen uns ja nicht in einem Dom zurückziehen, sondern wir wollen hinausgehen in die Welt. Wir wollen mit den Menschen im Dialog sein und Menschen dafür gewinnen, sich auch im Rahmen der katholischen Kirche zu engagieren."
Den Wiener Stephansdom bezeichnete Ludwig als einen "besonderen Ort, einen spirituellen Kraftort"; ein Wahrzeichen nicht nur für Wien, sondern für ganz Österreich. Ludwig erinnerte daran, dass alle Bundesländer nach dem Zweiten Weltkrieg zum Wiederaufbau des Doms beigetragen hatten. Der Dom sei ein schönes Symbol dafür, "dass wir ein Land sind, das insbesondere in Krisenzeiten zusammensteht".
Der Bürgermeister berichtete auch über seine Begegnung mit Papst Leo XIV. im Mai im Vatikan: "Einen Tag nach der Präsentation der Enzyklika war ich bei ihm in Rom und habe die Gelegenheit gehabt, mit ihm darüber zu sprechen." Er habe den Papst darauf aufmerksam gemacht, dass man in Wien seit vielen Jahren unter dem Titel "Digitaler Humanismus" einen Schwerpunkt setze, der sich eins zu eins mit den Inhalten der Enzyklika "Magnifica Humanitas" decken würde. Ludwig: "Das hat ihn sehr interessiert. Ich habe das verbunden mit einer Einladung nach Wien, ich hoffe, dass er dieser Einladung entsprechen wird."
Ludwig zeigte sich im Interview zudem überzeugt, dass man auch als Politiker ein anständiger Mensch bleiben könne: "Ich hab' erlebt, wenn man konsequent seinen Weg geht, den argumentieren kann und das nicht zum Schaden anderer Menschen macht, dass das dann später von vielen akzeptiert wird und nachträglich auch als richtig eingeschätzt wird. Also, dass man sich in der Politik ständig verleugnen muss, halte ich für ein Gerücht und eigentlich für eine Feigheit."
Es gebe auch echte Freundschaften in der Politik. "Dass man in der Politik nur mit Distanz mit anderen umgeht oder dass man quasi immer betrogen und belogen wird, stimmt nicht." Er habe unglaublich viele Freundschaften erlebt in der Politik, "viele sehr geradlinige, sympathische, offene Menschen. Dann gibt es halt ein paar andere auch, das ist natürlich so." Von daher sei er ein großer Anhänger des Philosophen Viktor Frankl, der einmal gesagt habe, es gebe zwei Rassen von Menschen, die Anständigen und die Unanständigen. - Diese Einschätzung teile er, so Ludwig, über Parteigrenzen hinweg: "Ich arbeite mit sehr vielen Menschen aus anderen Parteien sehr gut zusammen und ich arbeite nicht mit allen gut zusammen, die aus meiner eigenen Gesinnungsgemeinschaft kommen. Das ist so."
Das Interview mit Michael Ludwig zum Nachhören findet sich auf radioklassik.at/podcast in der Rubrik Sommergespräche.
Quelle: kathpress