
Zehn Jahre heilig: Warum Mutter Teresa bis heute fasziniert
Zehn Jahre nach ihrer Heiligsprechung gehört Mutter Teresa weiterhin zu den bekanntesten Gestalten der katholischen Kirche. Für den Kirchenhistoriker Jörg Ernesti liegt das nicht nur an ihrem Einsatz für die Ärmsten der Armen, sondern auch daran, dass ihr Leben von einer außergewöhnlichen geistlichen Tiefe geprägt war. "Sie ist bedingungslos dem Ruf Jesu gefolgt, den Armen zu helfen", sagt der Augsburger Theologe im KNA-Gespräch anlässlich des zehnten Jahrestags ihrer Heiligsprechung.
Am 4. September 2016 sprach Papst Franziskus (2013-2025) die Friedensnobelpreisträgerin auf dem Petersplatz in Rom heilig. Bei strahlendem Sonnenschein versammelten sich rund 120.000 Menschen auf dem Petersplatz. Neben dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi waren zwölf weitere Staats- und Regierungschefs anwesend.
Nach der Heiligsprechung Pizza für Arme
Mutter Teresa sei eine "unermüdliche Arbeiterin der Barmherzigkeit" gewesen, würdigte Papst Franziskus damals die aus dem heutigen Mazedonien stammende Nonne. Sie wurde im indischen Kolkata (früher Kalkutta) als "Engel der Armen" durch ihre Hilfe für Waisenkinder und Obdachlose bekannt.
Sie werde für viele Menschen weiterhin einfach "Mutter Teresa" bleiben. "Ihre Heiligkeit ist uns so nah, so zärtlich und fruchtbar, dass wir wohl spontan weiter 'Mutter Teresa' sagen werden", erklärte der Papst in seiner Predigt.
Im Anschluss an die Heiligsprechung setzte Franziskus ein sichtbares Zeichen, ganz im Sinne der neuen Heiligen. Er lud 1.500 Obdachlose und Arme aus ganz Italien zum Mittagessen in den Vatikan ein. 250 Mutter-Teresa-Schwestern und 50 Angehörige des männlichen Ordenszweiges servierten den Gästen im Vorraum der Audienzhalle Pizza Napoletana. Dafür waren eigens 20 Pizzabäcker aus Neapel mit drei Pizzaöfen angereist.
Heiligsprechung nicht rekordverdächtig
Kirchenhistoriker Jörg Ernesti bewertet ihre Heiligsprechung 19 Jahre nach ihrem Tod am 5. September 1997 als schnell, jedoch nicht rekordverdächtig. Papst Johannes Paul II. sei bereits neun Jahre nach seinem Tod heiliggesprochen worden, Franz von Assisi und Elisabeth von Thüringen sogar schon nach wenigen Jahren. "Sie war eine Frau von außergewöhnlichem Charisma, die viele Menschen auf der ganzen Welt fasziniert hat", sagt Ernesti.
Zugleich weist der Historiker den Eindruck zurück, Heiligsprechungen könnten voreilige Entscheidungen sein. Das Verfahren folge im Grunde genommen immer noch der Ordnung, die Mitte des 18. Jahrhunderts von Papst Benedikt XIV. festgelegt wurde. Ein Kirchenanwalt, den man früher Advocatus Diaboli ("Anwalt des Teufels") genannt hat, fällt dabei die Aufgabe zu, die Argumente gegen eine Heiligsprechung vorzubringen.
Den Ärmsten der Armen geholfen
Für ihre anhaltende Verehrung sieht der Historiker mehrere Gründe. So sei sie bedingungslos dem Ruf Jesu gefolgt. Sie habe dabei keinen festen Plan gehabt, sondern sich den Menschen zugewandt, die ihre Hilfe gerade am nötigsten brauchten: zuerst den Sterbenden an den Straßenrändern von Kolkata, dann ausgesetzten Kindern und Leprakranken.
Dabei habe sie sich auch nicht gescheut, unbequeme Positionen zu vertreten. Sie war eine entschiedene Gegnerin der Abtreibung und ist damit auch angeeckt, etwa mit ihrer Rede bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 1979, betont Ernesti.
Den Mächtigsten der Welt begegnet
"Mir persönlich hat auch gefallen, wie diese kleine und bescheidene Frau den Mächtigen der Welt begegnet ist", erzählt der Kirchenhistoriker. Er empfindet die Bilder, wie der verstorbene US-Präsident Ronald Reagan und seine Frau Nancy Mutter Teresa im Garten des Weißen Hauses empfangen haben oder wie der polnische Papst Johannes Paul II. sie in den Arm nahm, als sehr beeindruckend.
Zwischen Selig- und Heiligsprechung erlebte die öffentliche Wahrnehmung Mutter Teresas eine überraschende Wendung. Der Koordinator (Postulator) des Verfahrens veröffentlichte nämlich persönliche Briefe und Aufzeichnungen der Ordensfrau, die bereits zu Lebzeiten als Symbol gelebter Nächstenliebe verehrt worden war.
Dunkle Nacht der Seele
Demnach habe sie jahrzehntelang Erschöpfungszustände, Depressionen und Glaubenszweifel gehabt, erklärt Jörg Ernesti. Er betont, dass das ihrem Wirken doch eine große Tiefe gegeben habe. "Sie war also wohl nicht nur die Heldin der Nächstenliebe, wie wir sie kennen. Sie war auch eine Mystikerin und eine Christin, die wie viele moderne Menschen um ihren Glauben ringen musste."
Auch ihre Herkunft habe sie geprägt, sagt der Kirchenhistoriker. Geboren wurde Agnes Gonxha Bojaxhiu 1910 im multireligiösen Skopje, das damals noch zum Osmanischen Reich gehörte. Katholiken bildeten dort nur eine kleine Minderheit neben Orthodoxen und Muslimen.
Schon früh habe sie deshalb gelernt, Menschen unterschiedlicher Religionen und Nationalitäten mit Respekt zu begegnen. Diese Erfahrung hat nach Einschätzung von Ernesti ihr späteres Wirken im religiös vielfältigen Indien erleichtert.
Anhaltende Bedeutung
Den entscheidenden Wendepunkt ihres Lebens erlebte sie 1946, erklärt Jörg Ernesti. Sie habe ein erfülltes Ordensleben geführt, bis sie eine Vision als Aufforderung Christi verstand, ihr bisheriges Leben zu verlassen und sich ganz den Ärmsten zuzuwenden. "'Mich dürstet', das Wort des Gekreuzigten, wurde ihr fortan zum Leitbild: Mit der Gründung eines neuen Ordens wollte sie diesem Auftrag nachkommen", so der Kirchenhistoriker.
Für Ernesti reicht die Bedeutung Mutter Teresas weit über ihre Zeit hinaus. "Vielleicht wird man in 500 Jahren einmal sagen: Der bedeutendste Heilige des 20. Jahrhunderts, ja vielleicht der Neuzeit, war kein Mann, sondern eine Frau."
Quelle: kathpress