
Autor Knapp: Westen schaut bei Christenverfolgung im Nahen Osten weg
Die Verfolgung von Christen im Nahen Osten wird aus politischen und wirtschaftlichen Gründen in westlichen Staaten nicht ausreichend angesprochen: "Unsere westliche Politik will das heiße Eisen nicht gerne anfassen", so der deutsche Priester und Autor Andreas Knapp in einem Interview der Kooperationsredaktion der österreichischen Kirchenzeitungen (9. September). Als Grund nannte er etwa wirtschaftliche Verflechtungen mit Ländern wie Saudi-Arabien und Katar. Zugleich passe die Tatsache, dass Christen im Nahen Osten verfolgt würden, nicht ohne Weiteres in das Selbstverständnis westlicher säkularer Gesellschaften.
In der soeben erschienenen überarbeiteten Neuauflage seines Buchs "Die letzten Christen - Flucht und Vertreibung aus dem Nahen Osten" schreibt der Prior der Ordensgemeinschaft der Kleinen Brüder vom Evangelium auch über den politischen Umgang mit Geflüchteten in Europa und übt Kritik. "Die Politik lebt oft davon, dass man Feindbilder hat", so Knapp. Weiters komme hinzu, "dass mit diesen bewegenden Lebensgeschichten Stimmung gemacht wird und die 'bösen Muslime' pauschal gegen die 'armen Christen' ausgespielt werden".
Christen aus dem Nahen Osten würden nach ihrer Flucht teils als Teil einer vermeintlichen Bedrohung wahrgenommen, obwohl viele längst in europäischen Gesellschaften Fuß gefasst hätten. Gegen ein solches Schwarz-Weiß-Denken helfe die konkrete Begegnung, so Knapp. Als Beispiele nannte er Menschen aus dem Irak oder Syrien, die heute etwa als Ärztinnen oder Krankenpfleger in Österreich und Deutschland arbeiten.
Knapp plädiert vor allem für einen stärkeren christlich-muslimischen Dialog und dafür. Dazu gehöre auch muslimische Gelehrte und Wissenschaftler zu unterstützen, die für einen aufgeklärten Islam eintreten. "Aber Tatsache ist, dass in den letzten Jahrzehnten islamistische Kräfte immer mehr das Sagen haben und das gute Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen dadurch nachhaltig zerstört worden ist." Der wachsende Einfluss islamistischer Kräfte würde das Zusammenleben von Muslimen und Christen nachhaltig beschädigen. Die westliche Politik müsse diese Entwicklung ansprechen, ohne daraus ein pauschales Urteil über Muslime abzuleiten, so der Theologe.
"Gegen Ideologien helfen konkrete Begegnungen"
"Ein Blick in die Gesellschaften zeigt, dass eine differenzierte Gesellschaft, wo verschiedene Kulturen zusammenleben, auch wenn es da Spannungen gibt, eine fruchtbare Gesellschaft ist." Als Beispiel nennt Knapp Österreich, "wo ja viele Kulturen zusammengeführt sind, schon durch die K.-u.-k.-Monarchie, und wo unterschiedliche Bevölkerungsgruppen gelernt haben, zusammenzuleben und zusammenzuarbeiten". Eine einheitliche Gesellschaft sei hingegen "eine Gesellschaft, in der weniger produktiv gedacht wird, in der weniger kulturelle Fruchtbarkeit herrscht". Diversität schaffe Reichtum, zeigt sich Knapp überzeugt. Und weiter: "Gegen Ideologien helfen konkrete Begegnungen, weil sie uns den Blick öffnen, dass die Wirklichkeit komplexer ist als Schwarz-Weiß-Denken."
Knapp beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Schicksal christlicher Minderheiten in Syrien und im Irak. Anlass dafür waren Begegnungen mit geflüchteten Christen in Leipzig. Viele seien während des Bürgerkriegs in Syrien und des Kriegs im Irak zur Flucht gezwungen worden. Die Situation der Minderheiten habe sich in den vergangenen zehn Jahren nicht verbessert, sagte Knapp. In dem Buch schildert der Priester auch die Erfahrungen von Familien und Einzelpersonen, die als Christen in Syrien und im Irak Erpressungen, Mordversuchen und gewaltsamen Vertreibungen ausgesetzt gewesen seien.
Quelle: Kathpress